29.06.2022

Größte Kirchenaustrittswelle (bislang)

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Foto von Aliis Sinisalu
Mehr Menschen treten aus der kath. Kirche aus als je zuvor. Manche tun es, weil sie den Glauben verloren haben (und evtl. um Geld zu sparen). Andere tun es, gerade WEIL sie NICHT den Glauben verlieren wollen, und sei es der Glaube ans Gute im Menschen.
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Die deutsche Sprache kennt viele extra schöne Worte. »Saumselig« etwa. Ein Mensch ist wohl saumselig, wenn er sich geradezu selig dabei fühlt, träumend zu versäumen, was sich im Augenblick unwichtig anfühlt.

Der Goetheleser kennt die »Knabenblütenträume«. Der Knabe kennt die »Pusteblume« – hoffentlich. Und wer das Leben selbst kennt, der kennt auch den »Pustekuchen«.

Ja, es sind alles schöne Wörter. Bunte Blümchen im Garten unserer geschriebenen Gedanken.

Und außerdem gibt es Wörter, die klingen uns gar nicht so schön in den Ohren. Doch sie haben Bedeutung, und die Bedeutung ist wichtig und richtig und auf eigene Weise schön!

Ein solches Wort ist: »Desillusionierung«.

Die Selbst-Exkommunizierer

In diesen Jahren treten so viele Deutsche aus der katholischen Kirche aus wie noch nie, noch weit über den bisherigen Rekordzahlen von 2019. Immerhin wurde präzise Buch geführt. Im Jahr 2021 machten 359.338 Katholiken sich selbst zu Ex-Katholiken (tagesschau.de, 27.6.2022).

In Umfragen bestreiten viele Selbst-Exkommunizierer, dass es nur ums Einsparen von Kirchensteuer geht, auch wenn das in den Zeiten von Covid-Panik-Pleiten und Inflation durchaus verständlich wäre.

Sicher, es ist ein bemerkenswertes Konstrukt. Der deutsche Staat zieht für den Papst die Steuern ein. Geregelt im bis heute gültigen Reichskonkordat von 1933, ausgehandelt zwischen der NSDAP und dem Vatikan, unterzeichnet auf deutscher Seite von Franz von Papen, ein halbes Jahr nach Hitlers Machtergreifung. Im Reichskonkordat ist die »Kirchensteuer« geregelt, welche es wiederum schon in der Weimarer Republik gab und als Prinzip auch schon zuvor.

Wer austritt, der zahlt nicht mehr in den Milliardentopf ein, mit dem Bischöfe sich ihre Residenzen und Limousinen finanzieren. Doch das Geld ist nicht der alleinige Grund für die Austritte. Was dir wirklich wichtig ist, dafür findest du das berühmte »Scherflein der Witwe« (siehe Lukas 21).

Nicht die mangelnde Trennung von Staat und Kirche stört die Menschen, sondern die reale Trennung von Kirche und Gott. (Wenn man nicht »Gott« sagen will, funktionieren als Begriff in diesem Kontext auch »Realität«, »reales Menschenleben« oder »simpler Anstand«.)

(Übrigens, eine Des-Illusionierung zur Des-Illusionierung: Selbst wenn Sie aus der Kirche austreten, werden Sie als Steuerzahler weiter die Kirche finanzieren. Den bayerischen Kirchenfürsten etwa werden Sie weiter das bischöfliche Gehalt bezahlen; siehe dazu kath.net, 28.12.2019.)

Genau gar nicht

Ja, Menschen sind des-illusioniert von der Kirche. Dass die Kirche auf der Seite des Volks oder auch nur der Christen in diesem Volk stehen sollte, es wirkt immer mehr wie eine Illusion.

Bischöfe machen sich für Migration aus christenfeindlichen Ländern stark (de.catholicnewsagency.com, 17.6.2021), die Herren in ihren Residenzen betrifft es ja nicht, sie haben keine Kinder, um deren Heimat und Zukunft sie fürchten müssten. Damit schaden sie zwar dem Land und gefährden das Leben von Christen in Europa (siehe katholisch.de, 7.12.2021), doch so werden Millionen Euro in die Kassen kirchlicher Wohlfahrtskonzerne gespült (doch die wollen nicht, sagen sie, dass man von »Gewinnen« redet; siehe domradio.de, 10.1.2017).

Die Bischöfe im deutschen Propagandastaat mischen sich schon mal in den Wahlkampf ein, agieren dort gegen Andersdenkende und Opposition (kirche-und-leben.de, 22.9.2021). Sogar Bürger, die politisch »auf Linie« sind, könnten sich wünschen, dass die Kirche nicht zum ungewählten politischen Akteur wird.

Die politische Einmischung und Anbiederung an den Propagandastaat changiert bisweilen ins unfreiwillig Komische. Wir erinnern uns daran, als ein Herr Woelki sich öffentlich als »Gutmensch« bezeichnete – also de facto als heuchelnden Pharisäer (siehe dazu meinen Essay »Gutmensch« von 2018). Es überraschte dann genau gar nicht, dass die »Missbrauchsaufarbeitung« dieses »Gutmenschen« immer wieder als Grund genannt wird, warum Menschen »Tschüss Kirche« sagen (siehe dazu auch Essay vom 30.3.2021).

Und dann ist da noch der aktuelle Papst, von dem ich schon früher kalauert habe, dass es bei ihm nicht unbedingt eine rein rhetorische Frage ist, wenn man fragt, ob er überhaupt katholisch sei. Es wird gemunkelt, dass der Papst sich zweimal semi-heimlich mit dem Pfizer-Boss getroffen haben soll (ncregister.com, 15.1.2022), und dass er schon im November 2019 eine Frau Melinda Gates empfangen haben soll (ncregister.com). Der Papst tritt wie Pfizers »heiligster« PR-Agent auf. Er erklärt die mRNA-Injektion zum »Akt der Liebe«. Ja, man hat sogar eine Vatikan-Sonder-Euro-Prägung zur mRNA-Injektion herausgegeben (siehe corona-blog.net, 26.6.2022 und cfn.va). Die Nadel in die Blutbahn dringt, die Seele in den Himmel springt. Und manchmal ist das tatsächlich der Fall, vorausgesetzt natürlich, dass es ein Leben nach dem Herztod gibt, so könnte ein Zyniker scherzen.

Nicht jeder

Ja, es ist bitter, seine Heimat zu verlieren. Und auch eine Kirche kann sich als Heimat anfühlen – bis sich diese Heimat als Illusion erweist, bis man feststellt, dass diese vorgebliche »Heimat« einen längst verlassen hat, und man mit dem Austritt (oder Auswandern) nur eine bereits von der Gegenseite vollzogene Trennung praktisch werden lässt. (Siehe dazu etwa auch den Essay »Vom Auswandern«.)

Es wird wehtun, eine Illusion loszulassen, wenn wir das Gefühl hatten, dass diese vermeintliche Heimat ein Teil unserer selbst war.

Jedoch: Nicht jeder verlässt die Kirche, weil er den Glauben verloren hat — mancher verlässt die Kirche, um eben nicht den Glauben zu verlieren. (Und hierzu zählt ganz explizit der »Glaube ans Gute im Menschen«.)

Die Werte und Wichtigkeiten, für welche die Kirche einst stand, existieren ja auch unabhängig von einer konkreten Organisation. Ich muss nicht Kirchensteuer zahlen, um zu wissen, dass ich nicht lügen, stehlen oder morden soll. Ohne mich an dieser Stelle in entsprechenden Debatten verlieren zu wollen, vermute ich sogar, dass die eine oder andere biblische Regel außerhalb der Kirche besser zu leben ist als (aktiv) innerhalb.

Ja, ja; nein, nein

Es liegt durchaus Schönheit darin, »des-illusioniert« zu sein.

Wessen Illusion dahinschmilzt wie Butter in der heißen Pfanne, der muss beizeiten reagieren. Er darf sich in der Reaktion nicht der Saumseligkeit hingeben, so schön das Wort sein mag, denn wer die Lüge lebt, der wird kalt und zynisch werden.

Nein, nicht alle Knabenblütenträume, und mehr werde ich nicht über Knaben und Kirche sagen. Ja, mancher verliert die geistige Heimat seiner Kindertage.

Alte Erinnerungen schweben fort wie die kleinen Fallschirme der Pusteblume, und dann heißt es »Pustekuchen«, was übrigens ein schönes deutsches Wort ist, das aus dem Jiddischen kommt, das es wiederum aus dem Hebräischen hat, denn »poschut cochem« bedeutet soviel wie »weniger klug«.

»Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein«, so heißt es in Matthäus 5:37a.

Mancher ringt mit der »Des-Illusionierung«, nicht nur in Sachen Kirche.

Ich sage: Entscheide dich für die Kirche oder entscheide dich dagegen, nur laviere nicht.

Für alle und für jeden

In Filmen haben wir Zombies, Halb-Tote, Halb-Lebendige. Sei kein Kirchen-Zombie und auch keine andere Art von Zombie.

Wenn du in der Kirche bleibst, dann doch geh nächsten Sonntag auch wieder hin. Du behältst ja auch nicht das Netflix-Abo, wenn du nicht gucken willst – aber wenn du es schon bezahlst, dann guckst du eben doch, damit genutzt wird, was ohnehin bezahlt wurde.

Ja, dies ist der Punkt, wo diese Frage für alle und für jeden relevant wird.

Ein jeder von uns hat heimliche Lieblingsillusionen, von denen es Zeit wäre, sie loszulassen – oder die Illusion zur Wunsch-Realität zu erklären und aktiv darauf hinzuarbeiten.

Sei nicht saumselig, des-illusioniere dich selbst!

Sei kein Zombie, kein Halb-Entschiedener, ob in dieser Frage oder in anderen Fragen.

Du weißt, was du zu tun hast – also tu es auch.

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