30.03.2021

»Dann kotzen Sie mal.«

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Foto von Joeri Römer
Beck, Woelki, Chebli u. Co. – was hat solcher Moralismus gemeinsam? Nun, Jesus verglich Moralisten und Pharisäer mit »übertünchten Gräbern«, von außen hübsch, aber innen voller Unrat.
stone formation at the green grass field
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»Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche«, so sagte man früher. Jedoch, es sind neue Zeiten. Statt des Amens in der Kirche könnte man heute ein Allah Akbar oder ein Greta-mit-uns hören – oder ganz im Geist der Propagandarepublik natürlich eine Attacke auf die Opposition.

Und doch, und doch! Es gibt sie ja durchaus noch, die zuverlässigen Wahrheiten, und sie haben durchaus mit Jesus und der Kirche zu tun (wenn auch nicht so, wie die neuen Pharisäer es sich wünschen würden).

Mit dicken Backen ins Horn

Da die hier notierten Wahrheiten (leider?) ewige Wahrheiten sind (oder: »zuverlässige« Wahrheiten, wenn Ihnen »ewig« zu bedrückend klingt), ist es nicht überraschend, dass wir sie bereits andeuteten! Ich darf etwa auf den Essay »Öko-Aktivismus: Kettenfett predigen, Kerosin saufen« vom 12.02.2019 verweisen, welcher schon im Titel die zuverlässige Heuchelei der Moralapostel thematisiert.

In jenem Text (ich darf ihn zur Erweiterung dieses Essays vorschlagen), zitiere ich das Matthäus-Evangelium, und da man die Bibel gar nicht oft genug lesen kann, und da es ganz aktuell aktuell geworden ist, darf ich es zur Erinnerung und Vertiefung aufs Neue tun:

Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr seid wie die übertünchten Gräber, die von außen hübsch scheinen, aber innen sind sie voller Totengebeine und lauter Unrat! (Jesus, in Matthäus 23:27)

Es scheint – seit buchstäblich Tausenden von Jahren – eine ins Wesen der Menschheit eingewobene Wahrheit zu sein: Die, welche sich am lautesten als Moralisten geben, werden auffallend zuverlässig als Heuchler entlarvt. Kann es sein, dass ein wirklich Moralischer auch daran zu erkennen ist, dass er nicht mit der Moral hausieren geht?

Wir erinnern uns an den Fall des Grünen Volker Beck, bekannt für seine Pädophilie-Texte (siehe Essay vom 09.08.2019), seine merkwürdigen Strafanzeigen (siehe Essay vom 01.02.2018), fürs Erwischtwerden mit einer Droge (bild.de, 2.3.2016), die einst den Soldaten gegeben wurde, um sie wach zu halten (Essay vom 3.3.2018), oder den Schüchternen in einer gewissen Berliner Szene zum »Überwinden von Hemmungen« (tagesspiegel.de, 6.3.2016) – und zu all dem ist Herr Beck natürlich für seinen dauergereckten moralischen Zeigefinger berühmt (siehe etwa taz.de, 5.3.2016).

Wir erinnern uns auch an den Fall des Herrn Woelki, bekannt für sein öffentliches Bekenntnis als Gutmensch (siehe Essay vom 7.1.2017). »Gutmensch« ist ja bekannter Code für Heuchler und Pharisäer, also einer, der moralisch tut aber etwas ganz anderes lebt – er wollte den Begriff wohl mit neuer Bedeutung füllen – es ist ihm nicht gelungen. Kürzen wir es ab: Woelkis Gebaren bei der »Missbrauchsaufarbeitung« führt, so katholisch.de, 28.1.2021, zu einer »Welle von Kirchenaustritten in noch nie da gewesenem Ausmaß«.

Jedoch, nicht nur Funktionäre können, wie Jesus es formuliert, »wie die übertünchten Gräber« sein, »die von außen hübsch scheinen«, aber innen »voller Totengebeine und lauter Unrat« sind – auch ganze Konzerne können den Eindruck erwecken, dass sie das eigene Fehlverhalten mit Fake-Moral übertünchen wollen.

Im Text »Keine Volkswagen-Sonderkonditionen für die AfD – ziemlich zynisches Marketing« vom 21.3.2019 notierte ich den Fall des Volkswagen-Konzerns, der seinen Betrugsskandal in Sachen Diesel-Abgase mit dem fake-moralisch-zeitgeistigen Eindreschen auf die Opposition übertünchen zu wollen schien.

Man kann sich wahrlich darauf verlassen, und nicht nur in Deutschland: Wenn ein Konzern bei einem Skandal erwischt wird – oder unschöne Nachrichten etwa wegen Entlassungen drohen, dann wird schnell die billige Moral plakatiert, dann wird brav gegen die aktuellen Gegner der Regierung agitiert und mit dicken Backen ins Horn geblasen, das der Zeitgeist einem hinhält, vollständig egal, welche Tonart dieser Geist anstimmt. (Ähnliches gilt übrigens auch für »Kulturschaffende« mit verdient erschlaffter Karriere; vergleiche »Kulturschaffende 1934, 1976, 2018« vom 22.9.2018.)

Vizedirektor der Auslandssparte

Nein, das Amen in der Kirche mag nicht mehr sicher sein (dafür das »Refugees welcome!«, an welchem die Wohlfahrtskonzerne so weltenfürstlich gut verdienen), doch dass Moralisten früher-oder-später auf umstrittene Weise auffallen, danach lässt sich die Rolex stellen – und mit dem Stichwort »Rolex« wären wir natürlich bei den aktuellen Nachrichten.

Im Essay »Der letzte Tag auf dem letzten Jahrmarkt« lasen wir 2018 vom Fall Sawsan Cheblis, die für ihre rätselhafte Politik-Karriere bekannt ist (einfach mal bei YouTube ihre Pressekonferenzen suchen) und natürlich für ihre Rolex (siehe auch Essay vom 19.11.2018: »Der Ausdruck ›Neid-Debatte‹ ist ein Trick!«).

Ganz aktuell ist Frau Chebli erneut in den Schlagzeilen, und es geht auch um ihren Gatten.

Über Herrn Nizaar Maarouf titelt welt.de, 28.3.2021: »Chebli-Ehemann Maarouf war in umstrittene Krankenhaus-Geschäfte verwickelt«. Herr Maarouf soll für die Vermittlungen von Patienten zigtausend Euro an Provisionen erhalten haben, die als »sittenwidrig« gelten. Wusste Frau Chebli nichts davon? Laut welt.de, 14.6.2019 schreibt Frau Chebli bis zu 30 Strafanzeigen pro Woche, ist also eine Person, die sehr penibel gegen alle Arten von Fehltritten vorgeht, doch von den Geschäften Ihres Mannes wusste sie nichts? Maarouf wurde kurz danach, so die Berichterstattung, Vizedirektor der Auslandssparte des Klinikkonzerns Vivantes. Was hat das aber mit Frau Chebli zu tun? Nun, in dieser Zeit wurden zwei Nichten der hochqualifizierten und sehr moralischen Frau Chebli bei Vivantes eingestellt. Diese jedoch fielen 2017 dadurch auf, so die Nachrichtenlage, dass sie mehr als 100.000 Euro von Patientenkonten an sich selbst ausgezahlt haben sollen.

Wird es mehr Chebli-News hierzu geben? Wir wissen es nicht. Die sonst so mitteilungsfreudige Großmoralistin hüllt sich derzeit plötzlich in Schweigen. Ein Sarkast könnte sich ja fragen, warum nur zwei Chebli-Nichten eingestellt wurden! Wenn ich es richtig gelesen habe (@sawsanchebli, 24.9.2017 (archiviert)), hat Frau Chebli 23 Nichten/Neffen, die in Deutschland wählen dürfen, und damit gewiss auch lukrative Stellen annehmen könnten. Laut @sawsanchebli, 9.7.2018 (archiviert) hat die moralische Frau Chebli insgesamt sogar »ca 50 Nichten und Neffen« – und gaaaanz viel Rassismuserfahrung. Laut @sawsanchebli, 8.4.2018 wurden übrigens mindestens zwei ihrer Nichten in Berlin geboren und sind nun beide Ärztinnen und leben im Libanon.

In breitem Strahl

Natürlich lässt es uns wütend werden, wie die-da-oben sich moralisch geben, deren tatsächliche Moral mehr eine Ware als eine wahre ist. Wir fühlen uns erschöpft, und wir fragen: Was stimmt mit unserem Land nicht, dass solche Gestalten auf unsere Kosten so komfortabel im Fett-des-Landes schwimmen können?

Wir betrachten diese Moralisten, diese Leute, deren Tun von Jesus höchstselbst mit getünchten Gräbern verglichen wird. Es drängt mich, die derbe Wortwahl des Gottessohnes in die derbe Sprache unserer Zeit zu übersetzen, und ich möchte ob dieser Heuchelei und Verlogenheit und Fakemoral – pardon – in breitem Strahl kotzen – und wir müssen nicht fragen, was Frau Chebli darauf antworten würde, denn wir wissen es: »Dann kotzen Sie mal.« (@sawsanchebli, 16.4.2018/archiviert)

Ja, ich finde etwas Trost in der Tatsache, dass die Heuchelei von heute nicht wirklich neu ist – es gab sie schon zu Zeiten Jesu – und es wird sie geben, solange es Menschen gibt. Leute, die moralische Reden schwingen, übertünchen damit bei Gelegenheit ganz andere Dinge.

Eine persönliche Lehre aber, die wir selbst aus der Heuchelei ziehen können, sie ist so klar wie sie täglich dringend ist: Seid nicht wie die Moralisten und die Pharisäer, seid nicht wie diese Leute, die das eine predigen und das andere tun!

Tragt eure Moral nicht vor euch her, und erhebt euch nicht zu Anklägern oder Richtern – oder gar, wie der linke, vom Staatsfunk aufgehetzte Mob es tut, gar zu Anklägern, Richtern und Henkern in Personalunion.

Seid nicht wie diese Leute, denn sie haben ihren Lohn schon gehabt. Erforscht für euch selbst, was eure relevanten Strukturen sind, was euch wirklich wichtig ist, was ihr ehrlich und tief im Herzen für gut und anständig haltet, und dann lasst eure Hand und euren Fuß eurem Herzen und eurem Verstand folgen – und wenn wir schon in biblisch motivierten Metaphern reden: tut es derart, dass die linke Hand nicht weiß, was die rechte tut (Matthäus 6:3).

Übt euch in Gleichmut. Lernt es zu ertragen, dass die-da-oben so sind, wie die-da-oben eben sind – und wenn ihr es gelernt habt, wenn ihr auch der ärgsten Heuchelei gleichmütig begegnen könnt, dann erklärt mir bitte, wie das geht.

»Weiterschreiben, Wegner!«

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