27.08.2022

Kurzfristiger Personalausfall und neue Ehrlichkeit

von Dushan Wegner, Lesezeit 9 Minuten, Foto von Esteban Castle
Würde ein Klinikboss seine Mutter über Stunden in der Aufnahme warten lassen? Würde der Bahnboss am Bahnsteig warten? Würde ein Politiker sich krankarbeiten, um vom Gehalt kaum leben zu können? Nein. – Aber für die Bürger ist das alles okay. Komisch.
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Nehmen wir an, Sie beschließen, einen Ausflug zu unternehmen durch unser schönes Deutschland. Und Sie nehmen dazu die gute Deutsche Bahn.

Vielleicht fahren Sie mit dem 9-Euro-Ticket für die armen Leute und Steuerzahler – oder mit der Bahncard-100 (1. Klasse) wie so ein Abgeordneter. So oder so, wenn Sie mit der Bahn fahren, stehen die Chancen gut, dass Sie ihm begegnen, dem »kurzfristigen Personalausfall«.

Ich bin so alt, ich weiß noch, als Züge eigentlich nur dann ausfielen, wenn etwa ein Baum auf die Schienen gefallen war, wenn also wirklich »höhere Mächte« dazwischen funkten. Und dazu natürlich der gelegentliche mythische Triebwerkschaden, klar.

Dass aber Züge nicht kommen, weil einfach kein Personal da ist, um sie zu betreiben, und dass das alltäglich wird, das hätten wir uns damals kaum vorstellen können.

Den »kurzfristigen Personalausfall« findet man nicht nur auf den Anzeigetafeln am Bahnhof. Man findet ihn bei den aktuellen Fahrplan-Meldungen der Bahn (bahn.de/service/fahrplaene/aktuell), und man findet sie auch bei Twitter (via @db_bahn) – und in zahlreichen Flüchen der Reisenden.

Am 28. Juli 2022 etwa twitterte die Deutsche Bahn:

Der ICE 776 fährt nur bis Bremen. Grund ist kurzfristiger Personalausfall. (@DB_Bahn, 28.7.2022)

Wenn immer wieder »kurzfristig« Personal ausfällt, dann wird das einen schlichten Grund haben: Das Unternehmen hat nicht genug Reservepersonal eingestellt. Oder die Menschen wollen auch gar nicht für einen arbeiten. Vielleicht, weil die Arbeitsbedingungen zu schlecht sind – und »zu schlecht« heißt meist: »Zu schlecht im Verhältnis zur Entlohnung.«

Exakt am Tag des obigen Tweets erklärte der Bahn-Chef übrigens:

Die Trendwende ist gelungen: Die Nachfrage boomt und wir schreiben wieder schwarze Zahlen« (Deutsche-Bahn-Boss Richard Lutz, zitiert nach tagesschau.de, 28.7.2022).

Wir freuen uns, dass die Bahn hübsche 876 Millionen Euro an Gewinn machen konnte (wenn auch vor allem mit Logistik). Wir sind uns sicher, dass das Geld genutzt wird, um die »kurzfristigen Personalausfälle« zu korrigieren – und genug Leute für gutes Geld einzustellen.

»Es fehlt überall«

Die Bahnfahrt ist nicht die einzige Branche, die von »kurzfristigen Personalausfällen« geplagt ist.

Früher erwähnte ich in Gesprächen und Texten gelegentlich, dass ein guter Teil meiner Familie und Bekanntschaft im Gesundheitswesen arbeitet. Das könnte ich heute so nicht mehr sagen. Ich kenne heute persönlich mehr Leute, die in Krankenhäusern oder Pflegeheimen gekündigt haben, als solche, die noch dort arbeiten.

In Deutschlands Kliniken fehlt Personal. Von Zigtausenden zu besetzenden Stellen ist die Rede (taz.de, 21.7.2022). Ein Herr Lauterbach, ehemals Aufsichtsrat bei den Rhön-Kliniken, hat einen entsprechenden Gesetzentwurf vorgelegt, der »möglicherweise erst ab 2025 greift« (ebenda).

Herr Lauterbach diente übrigens lange Jahre den Rhön-Kliniken als Aufsichtsrat, und mit »diente« meinen wir, dass er dort »gut verdiente«. Laut sueddeutsche.de, 18.1.2013 waren es etwa 64.000 Euro in 2012. Dabei scheint nicht auf den ersten Blick klar zu sein, welche Gegenleistung er dafür lieferte – politischer Einfluss im Sinne der Kliniken wird es aber nicht sein, denn das wäre verdeckter Lobbyismus, und so etwas würde ein Sozialdemokrat nicht tun.

Gewerkschaften klagen seit vielen Jahren schon über »Personalnot auch in privaten Kliniken« (verdi.de, Juli 2015).

Ehemalige Mitarbeiter der privatisierten (und doch in Einzelfällen vom Staat alimentierten) Rhön-Kliniken berichten schon mal vom Spardruck bei Personal und Ausstattung:

Es fehlt überall, gerade an den Geräten. Es fehlt an der Forschung, es fehlt an Medizinern, es fehlt vor allen Dingen in der Pflege. Und das merken die Patienten auf jeden Fall« (ehemalige Leiterin der Uniklinik Marburg, zitiert nach deutschlandfunk kultur.de, 23.3.2022).

Der Bayerische Rundfunk meldete übrigens dieses Jahr:

Rhön-Klinikum AG konnte 2021 Konzerngewinn steigern. (br.de, 24.3.2022)

Uff! Das war mal knapp. 2020 war der Gewinn noch dramatisch eingebrochen.

Nicht, dass wir uns missverstehen. Man hatte noch immer Gewinne gemacht, auch im Coronapanik-Jahr 2020. Aber halt viel weniger.

Kein Wunder also, dass es »vor allen Dingen in der Pflege« fehlte. Wo man fürchtet, nicht genug Millionen an Profit einzufahren, werde »kurzfristige Personalausfälle« vermutlich unvermeidbar sein.

Gemachter Notstand

»Kurzfristiger Personalausfall« klingt wie die sachliche Bezeichnung eines unvermeidlichen Notstands. Jedoch, der Notstand ist womöglich nur für die Angestellten und die Kunden »unvermeidlich«, die etwa aus persönlicher Not zur Arbeit gehen oder den Dienst nutzen.

Es soll sogar Krankenschwestern geben, die zur Arbeit gehen, weil ihnen die Patienten am Herzen liegen. Das Personal in der Klinik weiß aber sehr wohl: Egal, wie sehr du dich selbst kaputt arbeitest, um das Versagen der Politik und die Gewinnerwartung der Konzerne abzufangen, am nächsten Tag werden neue Patienten mit neuen Krankheiten hereinkommen – du aber wirst kaputt bleiben.

Die Klinik-Bosse werden sich für ihre Gewinne feiern, du bekommst zur Feier des Tages vielleicht einen Fünf-Euro-Gutschein und darfst auch weiter dein Brötchen heimlich auf dem Klo verdrücken (siehe Essay vom 31.5.2021).

Wenn medizinisches Personal sich selbst kaputt arbeitet, um einen künstlich gemachten Notstand abzufangen, dann lernen Politik und Konzerne daraus, dass man eben doch mit weniger »Menschenmaterial« auskommt.

Lauterbach wollte 2019 jede zweite bis dritte Klinik schließen – wohl wegen »Überversorgung«. Wenn Sie mal bitter lachen wollen, lesen Sie die Verteidigungsschrift zu Lauterbach bei der u. a. von George Soros gesponserten und auffällig SPD-freundlichen Firma »Correctiv«. Auf den ersten Blick scheint man ja praktisch alle Vorwürfe gegen Lauterbach in der Sache zu bestätigen, will sie aber brav wegerklären: correctiv.org, 22.12.2022.

Spätestens, wenn man zwischen der Gesundheit der Patienten und der eigenen Gesundheit entscheiden muss, wird nicht jeder entscheiden, sich selbst zu opfern. Und also kündigen die Pflegekräfte – und raten allen ihren Freunden davon ab, diesen Beruf zu ergreifen.

Mensch und Wert

Nein, es ist heute nicht einfach, gutes Personal zu finden – ich weiß. Jedoch, es ist ein Unterschied, ob der lokale Handwerker keine Auszubildenden findet, weil eine von »Teilnahmepreisen« und Dopaminschüben (Social-Media-Sucht) kaputtgemachte Generation schlicht nicht mehr zu arbeiten weiß – oder ob ein profitabler, vom Staat abgesicherter Konzern seine Mitarbeiter wie Wegwerfmaterial auf Verschleiß fährt, demotiviert und an »die große Kündigung« verliert.

Konzerne, die sich auf »kurzfristigen Personalmangel« herausreden, könnten gemeinsam haben, dass ihre Kunden oft genug schlicht keine Wahl haben, als die Dienste in Anspruch zu nehmen und voll zu bezahlen – also kann man auch das Person auf Verschleiß fahren und die Kunden warten lassen.

Ja, ein Gesellschafterunternehmen ist zu profitablem Handeln verpflichtet. Wenn man also mit 20 % zu wenig Personal volle Preise verlangen kann, wäre es nicht geradezu kriminell, genug Personal einzustellen und es anständig zu bezahlen?

Kein Krankenhaus wird sagen: »Wir fahren mit halbem Personal, und also berechnen wir nur die Hälfte.« – Wenn Sie mehrere Monate auf die dringende OP warten müssen, dann wird diese ja nicht billiger abgerechnet. – Die Bahn senkt die Preise ja auch nicht um 10 oder 20 Prozent, wenn sie nicht genug Personal für den regelgerechten Betrieb bereithält.

Man darf die These wagen: Konzerne, die täglich von »kurzfristigem Personalmangel« reden, messen schlicht sowohl den Kunden als auch dem Personal wenig menschlichen Wert bei.

Würde der Klinikboss seine Mutter stundenlang in der Ambulanz warten lassen? Würde der Bahnboss stundenlang auf ausgefallene Züge warten? Würde der Politiker sich krankarbeiten, um doch vom Gehalt kaum leben zu können? Nein, würden sie nicht. Ergo: Sie, ich und das Pflegepersonal sind denen als Menschen nicht so wichtig.

»Ihre Arbeit hat keinen Beitrag geleistet«

Die offene und jahrelange Missachtung der Politik gegenüber dem pflegenden Personal kulminierte in Deutschland schließlich in der Impfpflicht für genau diese Menschen.

Dieselben Menschen, die Tag für Tag die gesundheitlichen Folgen der Impfung sehen, und sie selbst mit der tatsächlichen Gefahr durch das Virus abgleichen können, sollen gezwungen werden, sich die mRNA-Injektion setzen zu lassen – oder eben zu kündigen. (Ob die mRNA-Injektion oder das Virus mehr zu fürchten ist, könnte vielleicht mit der Gegenfrage beantwortet werden, warum medizinisches Personal, das die Folgen in der Realität sieht, immer wieder lieber arbeitslos ist als sich die mRNA injizieren zu lassen.)

Ich weiß ehrlich nicht, wie man einen Karl Lauterbach noch ernst nehmen kann, aber er ist nun mal »Gesundheitsminister« – und seine »Impfstofflager« sind vermutlich voll. Die CDU jedenfalls vermutete, dass er via Corona-Gesetze versuchte, »seine übervollen Impfstofflager zu leeren« – darauf gepfiffen, was die Stiko sagt (so berliner-zeitung.de, 5.8.2022).

Die Verachtung der Politik gegenüber dem medizinischen Personal wurde extra ehrlich verbalisiert, als Lauterbach in rasend schäumender Wut ungeimpft Pflegekräfte herabwürdigte: »Ihre Arbeit hat keinen Beitrag geleistet.« (berliner-zeitung.de, 23.6.2022)

Wer sich durch die Corona-Panik hindurch krumm arbeitete, doch später auch selbst die Folgen der Impfung sah, und der sich also nicht die mRNA injizieren lassen wollte, der habe nicht nur »keinen Beitrag geleistet«, er habe nicht einmal ein Recht, sich etwa bei einer Demonstration zu beschweren.

Die Behandlung von Krankenpersonal durch die Politik in und nach der Corona-Panik war »nur« ein weiterer Tiefpunkt – und er wird einige Menschen bestätigt haben, die aus Selbstschutz zum »kurzfristigen Personalmangel« in Krankenhäusern beitragen.

Dass die Impfung nicht absolut vor Ansteckung, Weitergabe oder Erkrankung schützt, wird ja inzwischen zugegeben. Wenn aber die Politik, etwa um ihre »Impfstofflager zu leeren«, tatsächlich nur »geimpftes« Personal will, warum zahlt man nicht eine Risikozulage für mögliche Impfschäden?

Ach, es mündet ja wieder in der Frage: Was ist, in Euro und Cent, der Wert eines Menschen? Vermutlich nicht so viel.

Welche nicht so sehr

Wenn ein mit dem Staat verbandelter Konzern oder der Staat selbst das nächste Mal von »kurzfristigem Personalmangel« redet, dann deute ich das so: »Wir wollen oder können nicht genug Leute einstellen, um zuverlässigen Betrieb zu gewährleisten. Da die Kunden sowieso bezahlen müssen, müssen wir es auch nicht wirklich. Unsere Chefetage und die verantwortliche Politik nutzt diese Dienste ja ohnehin nicht, und was wollt ihr armen Leute tun?«

Beim Fahrdienst der Politiker oder der Staatsfunk-Funktionäre gibt es keinen »kurzfristigen Personalmangel« (ganz im Gegenteil, siehe focus.de, 25.8.2022), warum also bei der Deutschen Bahn? Die Antwort ist natürlich »Relevante Strukturen«: Ignoriert die Sonntagsreden der Funktionäre, schaut auf ihr tatsächliches Handeln, und ihr seht, welche Strukturen ihnen wirklich relevant sind – und welche nicht so sehr.

Neue Ehrlichkeit

Wenn Sie, liebe Leserin und lieber Leser, selbst »nicht mehr können«, und wenn Sie sich womöglich mit dem Gedanken tragen, zum »kurzfristigen Personalmangel« beizutragen, dann versichere ich Ihnen, dass ich Sie verstehe.

Wenn Sie aber beschließen, Ihren Job weiterzumachen, der Menschen wegen, obwohl die Bosse Ihnen die Motivation wirklich schwer machen, dann versichere ich Ihnen meinen Respekt und meine Dankbarkeit (wovon Sie natürlich keine Rechnungen bezahlen können).

Doch wenn Sie einer von denen sein sollten, die für den »kurzfristigen Personalmangel« verantwortlich sind (oder wenn Sie in der Pressestelle eines solchen Politikers arbeiten und diesen Text auswerten müssen), dann erklären Sie doch bitte uns »gewöhnlichen« Menschen, wie es sich so ganz ohne Gewissen lebt.

Ja, es kann jedem Unternehmen passieren, dass mal Leute ausfallen, doch wenn es dir Tag für Tag für Tag passiert, dann bedeutet es womöglich, dass den Konzernbossen sowohl die Mitarbeiter als auch die Kunden wenig wert sind.

Jedoch, sehen wir doch auch diese Angelegenheit positiv! Jedes Mal, wenn wir das Bekenntnis »kurzfristiger Personalmangel« hören, können wir es als Ausdruck einer »neuen Ehrlichkeit« deuten.

In einer Zeit »neuer Ehrlichkeit« zu leben, das ist doch zweifellos positiv – und ein sarkastisches Lachen ist immer noch ein Lachen!

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