17.05.2021

Manchmal das Gegenteil

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Foto von Annie Spratt
Krankenhäuser verdienen wohl mehr und Merkel kann dabei Grundrechte aushebeln, wenn Intensivstationen »fast voll« sind – was sich aber recht frei steuern lässt. Tja. – Die eine große Frage: Warum lassen die Bürger das zu, als wären sie gelähmt?
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Vorab, meine liebsten Leser: Auf den Wunsch einiger unter Ihnen unterteile ich versuchsweise diesen Essay präzise in drei Teile: 1. Die (einleitende) Metapher, 2. die Nachricht, 3. eine Konsequenz.

Lesen und nehmen Sie, was Ihnen nutzt!

Die Metapher

Ein Schüler kam zum Meister, und er war ein Scherzbold, und er sagte: »Meister, lehrt mich Klugheit, aber in nur drei Worten!«

Der Meister antwortete: »Manchmal das Gegenteil.«

Der Schüler war verwundert, und fragte zurück: »Was das Gegenteil?«

Der Meister lachte, und antwortete mit nur zwei Worten: »Denken, Handeln.«

Der Schüler fragte weiter: »Und woher weiß ich, wann ich das Gegenteil denken soll, wann das Gegenteil tun?«

Der Meister sagte nur ein Wort: »Weisheit.«

»Aber wie lerne ich die Weisheit?«, fragte der Schüler. Da stand der Meister auf und öffnete seinen eigenen Schrank mit den vielen Schriftrollen alter Weisheitslehren.

›Aha‹, dachte der Schüler bei sich, ›der Meister wird auf die Schriftrollen zeigen, und mir also ganz ohne Worte antworten! Er will mir sagen, dass das Studium der alten Lehren mir die Weisheit aufzeigen wird, die es braucht, um zu wissen, wann es klug ist, das Gegenteil dessen zu tun, was man für gewöhnlich tun würde. Und all das wird er mich lehren, indem er nur mit dem Finger auf seine Bibliothek zeigt!‹

Jedoch, der Meister zeigte nicht. Er ordnete nur einige Schriftrollen neu, dann schloss er den Schrank und setzte sich wieder zum Schüler. Er lächelte.

Die Nachricht

Am 9. Mai 2021 twitterte ich, lapidar und mit vergleichsweise wenig Energie, mehr eine Notiz als ein Kampfschrei:

Was, wenn es profitabler ist, eine Intensivstation konstant »kurz vor Auslastung« zu fahren, und die Auslastung flexibel reguliert werden kann? (@dushanwegner, 9.5.2021)

Nein, die Idee war natürlich nicht von mir. Dass Krankenhäuser die Auslastung ihrer Intensivstationen viel freier steuern können als wir Außenstehende zunächst meinen würden (etwa durch Verlegung von Patienten »zur Beobachtung«, durch Zuweisung beziehungsweise Abzug von Personal), das wird in Deutschland schon länger gemunkelt. Und auch, dass Krankenhäuser erstens an »Intensivstationen kurz vor Auslastung« deutlich mehr Geld verdienen, und zweitens dass Wirtschaftsbetriebe und Kapitalgesellschaften nach mancher Interpretation sogar ihren Investoren gegenüber vielleicht unmoralisch, wenn nicht sogar illegal handeln würden, wenn sie nicht versuchen würden, den finanziellen Gewinn zu maximieren, auch das wird schon länger erzählt.

Es ist auch bekannt, dass Merkel ihre »Ermächtigung« und die Zerstörung der deutschen Wirtschaft durch die angeblich drohende Auslastung der Intensivstationen begründete. (Ich notierte es etwa im Essay vom 18.4.2021. Die »Auslastungs-Optimierung« lief aber nicht die ganze Corona-Panik über wirklich »optimal«. Im Essay »Grundlage zur Ermächtigung« vom 17.11.2020 notierte ich noch: »Deutschland erlebt die in der Geschichte der Menschheit erste »bedrohliche Pandemie«, bei welcher die Ärzte in Kurzarbeit gehen und Intensivstationen leer stehen – während Patienten mit anderen Krankheiten als COVID-19 auf ihre OP warten müssen«.)

Am 16. Mai 2021 nun veröffentlichte der Mediziner Prof. Matthias Schrappe mit Kollegen ein neues Paper, dessen erster Satz lautet:

Deutschland hat erhebliche Überkapazitäten in der stationären Versorgung. (Original-PDF via schrappe.com, S.4)

In der EU sind durchschnittlich 3,6 Krankenhausbetten pro 1.000 Einwohner belegt, in Deutschland stolze 6,4 Betten, so das Papier auf Seite 4.

Merkel und ihre Helfer verweisen gern immer wieder auf die drohende Aus- und Überlastung der Krankenhäuser durch Covid-19. Von welchem Anteil reden wir aber tatsächlich?

Nun…

Im Jahr 2020 wurden zur Behandlung von CoViD-19-Patienten durchschnittlich 2% der stationären und 4% der intensivmedizinischen Kapazitäten – bei deutlichen Differenzen in zeitlicher und räumlicher Hinsicht – genutzt. (Original-PDF via schrappe.com, S. 4)

Nur 2% stationär und 4% intensivmedizinisch? Und deshalb die ganze Panik?

Was könnte die Motivation sein?

Wir lesen einfach weiter…

Es wurden als Ausgleichszahlungen an die Krankenhäuser 10,2 Mrd. € und als Prämien für knapp 11.000 zusätzliche Intensiv-Betten 530 Mio. € ausgezahlt.

Also, entweder die Merkel-Regierung ist sehr unfähig, sehr gewissenlos, oder es ist noch etwas anderes der Fall, was im Moment nicht sofort ins Auge springt.

Professor Schrappe gab ein Interview zu diesem Anlass, und darin finden wir folgende denkwürdige Passage:

Es gibt sogar einzelne Tage, an denen offiziell mehr Patienten auf Intensivstation lagen, als überhaupt hospitalisiert waren. Mit dem Satz »Wir laufen voll« lässt sich das nicht in Einklang bringen. Es geschehen da seltsame, unverständliche Dinge. (Prof. Schrappe in welt.de, 17.5.2021(€))

Ich bewundere den Mediziner ehrlich für seine anständigen Formulierungen für unanständige Dinge. Manch anderer von uns hätte womöglich weit derbere Worte gewählt. »Seltsame, unverständliche Dinge« ist eine höfliche Formulierung für das, was in Deutschland passiert.

Die von ihm zitierte Faktenlage hat es in sich.

Wir lesen:

Ende April 2021 wurden 61 Prozent der Covid- Patienten in Krankenhäusern auf Intensivstationen behandelt. In der Schweiz waren es nur 25 Prozent, in Italien elf Prozent. (Prof. Schrappe in welt.de, 17.5.2021(€))

Und, so lapidar wie skandalös:

Es gab in den Krankenhäusern offensichtlich die Tendenz, Patienten ohne Not auf die Intensivstation zu verlegen – während der Pandemie. (Prof. Schrappe in welt.de, 17.5.2021(€))

Krankenhäuser kassieren, Merkel kann Demokratie und Wirtschaft kaputtmachen, Staatsfunk und politiknahe Medien – teils buchstäblich in Parteienbesitz – führen derweil Propagandakrieg gegen jeden, der es hinterfragt.

Das ist die Realität im Propagandastaat, und der Schaden ist irreparabel. Während wir uns Jahr um Jahr neue Kugeln in die wackelnden Beine schießen, entwickeln sich andere Länder ja weiter und bauen ihre Machtpositionen aus (wenn auch längst nicht alle).

Was nun?

Eine Konsequenz

Wenn alle schlafen – und noch schlafen viele – dann kann die Zeit gut sein, laut zu werden, auch um sich selbst aufzuwecken. (Wir kennen es ja, dass man zwar kurz wach wird, dann aber doch wieder einschläft, weil der Rest der Welt so ruhig war.)

Wenn aber alle schreien und laufen, dann kann es die kluge, ja geradezu weise Wahl sein, selbst still zu werden, seine Kreise zu ordnen und mit Ruhe und Bedacht seine nächsten Schritte zu planen. Und dann, wenn sie alle nach erster Aufregung von sich selbst erschöpft doch wieder nichts tun, dann gilt es selbst zu handeln.

»Manchmal das Gegenteil«, heißt es in der einleitenden Metapher. Manchmal ist es klug, das Gegenteil des »öffentlich Gedachten« zu denken, und manchmal ist es klug, das Gegenteil dessen zu tun, was zu tun von einem erwartet wird. Zu wissen aber, wann genau dieses »manchmal« ist, das ist Weisheit.

In Sachen Corona war es klug, das Gegenteil anzunehmen, als die Regierung zu Beginn beschwichtigte, das sei alles Verschwörungstheorie und Nichts – das Gegenteil von »nichts« ist »etwas«.

Als Regierung und Staatsfunk um 180 Grad schwenkten und man nicht nur Vorsichtsmaßnahmen ergriff, sondern Corona-Panik schürte, um Grundrechte und demokratische Entscheidungswege auszuhebeln, auch dann war es klug, eine Form des Gegenteils zu prüfen – und das Gegenteil von »Krankenhäuser sind überlastet« ist eben, dass sie nicht überlastet sind.

Die Ruhe, die noch immer zu viele Bürger in Deutschland an den Tag legen, wäre inzwischen mit »Lähmung« wohl treffender beschrieben.

Wenn die Mehrheit wie gelähmt ihr Schicksal in Empfang nimmt, könnte es eine gute Idee sein, das Gegenteil zu prüfen – und dann auch entsprechend zu handeln!

»Manchmal das Gegenteil« – und wenn »manchmal« nicht jetzt ist, so ist es doch sehr bald.

»Weiterschreiben, Wegner!«

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