Dushan-Wegner

21.08.2023

Sei Moses, Pharao!

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Bild: »Immanuel guckt.«
Die Religion gab uns einst Rituale, anhand derer wir teils sehr nützliche Denkweisen einübten. Wir praktizieren sie nicht mehr – dafür trainieren uns Talkshows und Propaganda, und deren Ziel ist das Gegenteil von Denken.
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Beim Pessach-Fest gedenken Juden des Auszugs aus der ägyptischen Sklaverei, und zwar auch daheim, bei einem rituellen Abendessen mit symbolstarken und zugleich sehr leckeren Speisen.

Wenn ich rasch unsere Bibelkenntnisse auffrischen darf: Das 2. Buch Mose wird auch »Exodus« genannt, denn es berichtet vom Auszug des Volkes Israels aus der Sklaverei in Ägypten. Moses bittet den Pharao darum, die Israeliten ziehen zu lassen.

Der Pharao hält davon wenig, also »überzeugt« Gott ihn durch die berühmten Zehn Plagen (ab 2. Mose 7:20): Wasser wird zu Blut, Frösche fallen vom Himmel, Stechmücken und Stechfliegen, Heuschrecken, Hagel und Finsternis und so weiter (siehe Wikipedia).

Dieses wundersamen Ereignisses gedenken die Juden zu Pessach, denn auch für Pessach gilt, wie für so manches andere jüdische Ritual: Die wollten uns Böses, wir haben es überlebt, lasst uns essen!

Doch bevor zu Pessach daheim gegessen wird, ist es die ausdrückliche Aufgabe des jüngsten anwesenden Kindes, den Eltern vier festgelegete Fragen zu stellen.

Etwa: »An allen anderen Abenden essen wir entweder gesäuertes oder ungesäuertes Brot. Warum essen wir an diesem Abend nur ungesäuertes Mazza-Brot?«

Und dem Kind wird dann geantwortet: »Um uns an die Eile zu erinnern, mit welcher unsere Vorfahren einst aus Ägypten flohen.«

Oder?

An diesen Fragen ist aber etwas »Unlogisches«, zumindest auf Meta-Ebene!

Es sind rituelle Fragen. Das heißt, sie werden Jahr um Jahr gestellt, von jüdischen Kindern weltweit. Kinder können die Fragen vorab üben, heute auch dank YouTube. Und Eltern sollten die Antworten parat haben.

Es scheint »unlogisch«, Fragen immer wieder zu stellen, wenn man die Antworten weiß – oder?

Keine Geheimwissenschaft!

Das rituelle Fragenstellen zu Pessach ist nur ein Beispiel der Bedeutung intellektueller Rituale in der jüdischen Denktradition.

Ob das zyklische Lesen der Tora, die Feste im Jahresverlauf, die mit Bedeutung aufgeladenen Gebete während des Tages oder natürlich die Gebote des Shabbat: Fast jedes der vielen jüdischen Rituale ist auch eine Denkübung, die wichtige Wahrheiten transportiert.

Und der Inhalt der Denkübungen ist keinesfalls eine Geheimwissenschaft! (Die Inhalte werden von Rabbinern offen und bereitwillig erklärt, sei es live oder im Internet.)

»Nützlicher«

Ach, welche Religion es auch ist, welche wir Säkularisierten haben verdorren lassen: Wir ließen mit den Ritualen eines der wichtigsten Lernwerkzeuge verdorren.

Bloße Fakten lassen sich mit nur einer Nachfrage eruieren. Doch Gewohnheiten und Fähigkeiten brauchen Übung und Wiederholung – auch und gerade Denkgewohnheiten.

Kommunisten, Kapitalisten und die Akteure der postdemokratischen WEF-Ära, welche uns die Religion abtrainierten, sie taten dies doch nicht wirklich aus Liebe zu Wissenschaft oder Aufklärung!

Sie tauschten die Rituale der Kirche, die den Menschen zuerst in Verantwortung gegenüber seinem Schöpfer setzten (»Ebenbild Gottes«) und ihn so stark und selbstbewusst machten, gegen neue, säkulare Rituale, die den Menschen »nützlicher« für Partei und Konsumindustrie machten.

Durch Vorführen trainiert

Die abendlichen Talkshows in Deutschland, in denen die immergleichen Akteure die immergleichen Bekenntnisse absondern, könnte man als ein Ritual lesen (wenn auch ein intellektuell reichlich dünnes).

Die Rituale der Propaganda trainieren dem Bürger an, auf abweichende Meinung reflexhaft mit »das ist rechtsextremes Geschwurbel«, »bloß nicht hinterfragen« und »wer fragt, ist Faschist« zu reagieren.

Das ist die Rolle von Talkshows im Propagandastaat, und deshalb braucht es auch gelegentlich Selbstdenker, die vom Moderator und Systemlingen öffentlich fertiggemacht werden: Es ist ein Ritual, wie der Gottesdienstbetrieb eines Priesters, das den Zuschauern durch Vorführen bestimmte Denkgewohnheiten antrainiert.

Darin, dass Denkgewohnheiten trainiert werden, ähneln deutsche Talkshows tatsächlich den Fragen der Kinder beim jüdischen Pessach.

In einem maximal folgenreichen Punkt unterscheiden sich die Talkshows von den Pessachfragen: Die Fragen trainieren die Kinder, nach Sinn und Gründen zu fragen – Talkshows trainieren die Deutschen, kritische Fragen reflexhaft abzuwehren.

Neues Ritual, erste Fragen

Vorgegebene Rituale helfen dabei, nützliche Denkgewohnheiten einzuüben. Doch egal, welche Religion, niemand hindert uns ja daran, uns selbst in effektivem Denken zu trainieren.

Vor einem Jahr fragte ich etwa nach der »Universaltheorie der Nachrichten«: Welche Frage könnte fast jede Nachricht erklären?

Die Antwort auf diese Frage nach der Frage lautet natürlich: »Wer verdient Geld daran?« (Oder: »Wer erzielt dadurch mehr Macht, wodurch er dann wieder mehr Geld machen kann?«)

Wir sollten unsere Nachrichten auf geradezu rituelle Weise täglich und ausnahmslos mit einem Katalog an Fragen beackern.

Mögliche Ritualfragen:

Wer verdient (wirklich) Geld daran? (Beispiel: Waldbrände – wer verdient Geld daran?)

Ein Politiker wird immer Details weglassen müssen, wenn er über ein Problem redet. Welche Details unterschlägt er im gegebenen Fall?

Nachrichten sind immer eine Auswahl. Warum wurden diese Nachrichten ausgewählt? Welche Nachrichten fehlen?

Achte darauf, wen Politik und Journalisten zum Feind erklären und wen zum Freund. Könnte es Motivationen dafür geben, die sich von den angegebenen Gründen unterscheiden?

Und so weiter.

Welche Frage sollte sich der aufgeklärte Bürger Ihrer Meinung und Erfahrung nach rituell stellen?

Nicht keine Rituale

Anlässlich des Pessachfests erinnern sich Juden – und bibelfeste Christen – daran, dass und wie sie aus der Knechtschaft befreit wurden. Das Ritual inklusive der Fragen ist also eine »Denkerziehung«, durch Hinterfragen, Verstehen und rechtzeitiges, mutiges Handeln zu verhindern, wieder zu Knechten und zum Spielball fremder Mächte zu werden.

»Man kann nicht nicht kommunizieren«, so lehrt Paul Watzlawick. Und von Bob Dylan inspiriert titelte ich einst: »Jemandem musst du dienen, mein Sohn«.

Ich vermute, dass analog gilt: Man kann nicht keine Rituale praktizieren.

Es ist dem Menschen angeboren, Verhaltensweisen zu wiederholen, schon der biologisch-neuronalen Energieersparnis halber.

Wenn wir uns nicht selbst gute, eigene Rituale auferlegen, werden wir in die bösen, erniedrigenden Rituale verfallen, welche Konzerne und Propaganda uns antrainieren wollen.

Kein Moses

Es gab mal eine Zeit, in welcher ich in Gottesdiensten öffentlich vorsang. Ja, solo oder mit Klavier und Band. (Damals hatte noch nicht jeder ein Smartphone mit Videofunktion, seufz.)

Und einmal sang ich »Go Down Moses«. (Hier, via YouTube, die Version von Louis Armstrong.)

Der Refrain hat sich mir bis heute eingeprägt, Deutsch etwa: »Also sagte der Herr: Gehe hinab, Moses, den Weg nach Ägypten hinab. Sage dem alten Pharao: Lass mein Volk ziehen!«

Dieser Gospel prägt bis heute mein Gefühl der Pessach-Geschichte, und man findet das Lied auch in jüdischen Pessach-Liederbüchern.

Wir haben heute keinen Moses, ja, wir dürfen heute nicht einmal Volk sein.

Und doch können und müssen wir in die Freiheit ziehen.

Immanuel Kant (ein »deutscher Moses«?) erklärte die Aufklärung als Herausgehen des Menschen »aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit«.

Es wird keine Frösche regnen und weder Rhein noch Elbe werden in Blut verwandelt werden, um uns aus unserer Unmündigkeit zu befreien. Die Plagen, die über unsere Sklavenhalter kommen werden, sind höchstens die, die wir selbst über uns bringen – und das ist auch gut so, denn wir sind ja unsere eigenen Gefangenen.

Wir werden selbst herausgehen müssen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit, etwa indem wir uns täglich darin üben, alles zu hinterfragen, was uns gesagt wird!

Mache es zu deinem privaten Ritual, wieder und wieder gründlich zu hinterfragen, was dir gesagt wird. Dein innerer Moses möge deinem inneren Pharao befehlen: »Lass mich aus der Unmündigkeit ziehen!«

Oder wie wir hier seit 2018 zu sagen pflegen: Prüfe alles, glaube wenig, denke selbst!

Weiterschreiben, Wegner!

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