26.10.2019

Murmeltiertag, deutsche Fassung 2019

von Dushan Wegner, Lesezeit 7 Minuten, Bild von Rodrigo Rodriguez
Mord mit Axt. Arbeiter wird ausgeraubt, für 20 Euro halb-tot getreten. Die Nachrichten lesen sich wie »Täglich grüßt das Murmeltier« – in der deutschen Horror-Fassung.
Murmeltiertag, deutsche Fassung 2019
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Meister und Schüler saßen am Ufer des Sees. – Wind kam auf. – Der Meister fragte: »Was siehst du, wenn du den See betrachtest?«

Der Schüler schaute hin, und sagte: »Ich sehe Wasser, Wellen und Gischt. Ich sehe den See.« 

Der Meister nickte.

Nach einer Weile stellte er die gleiche Frage wieder. Der Schüler antwortete auf die gleiche Weise. So ging es noch vier weitere Male. 

Am Abend legte sich der Wind. Die untergehende Sonne malte die Wolken in vielen Schattierungen von Rot. 

»Was siehst du jetzt, wenn du den See betrachtest?« fragte der Meister wieder. 

Der See ruhte still. Seine Oberfläche war glatt wie ein neuer Spiegel. 

Der Schüler schaute hin und sagte: »Ich sehe den Himmel.«

Die fröhliche See

Im Film »Täglich grüßt das Murmeltier« (Englisch: »Groundhog Day«) durchlebt TV-Moderator Phil Connors (berühmterweise von Bill Murray gespielt) denselben Tag, wieder und wieder und wieder. Alles um ihn herum wiederholt sich, doch er selbst behält seine Erinnerungen. Wer heute die Nachrichten liest, der fühlt sich wie in der Horror-Version des Murmeltiertags.

Wir lesen: »In der Limburger Innenstadt soll ein Mann (34) seine Ehefrau (31) mit einer Axt und einem Schlachtermesser getötet haben.« (bild.de, 25.10.2019) – Ein eventueller Verdacht zum kulturellen Hintergrund des Täters könnte bestätigt werden von der forschen Art, in der gegen die Verbreitung von Bildern der Tat gemahnt wurde (siehe etwa @PolizeiWH, 25.10.2019). (Man vergleiche etwa die aggressive Instrumentalisierung des ertrunkenen Alan Kurdi durch »die Guten« – sind die Bilder von Toten nur dann böse und verboten, wenn sie linksgrüne Lügen als solche entlarven, und ansonsten durchaus nützlich?)

Wir lesen von Kerim T. (18) und Hayder H. (18), die für Tabak, Schlüssel und 20 Euro Beute den 56-jährigen Sven L. zusammengeschlagen haben sollen: «Sven L. hatte beide Augenhöhlen, Nase und Kieferhöhle gebrochen, Nervenschäden in der Wange, ein Schädelhirntrauma, einen Schuhprofil-Abdruck auf der Wange. Sein Gesicht hält jetzt eine Titanplatte zusammen. Eine Hälfte ist taub, er traumatisiert.« (bild.de, 25.10.2019)

Und so weiter, und so fort – und die Autoindustrie wird derweil »zum Keim des Abschwungs« (focus.de, 25.10.2019: »Schon 50.000 Jobs weg…«). Täglich grüßt das Murmeltier – die Horrorversion.

Das Schiff Deutschland, so ahnt mancher der Passagiere und erschreckend viele vom Schiffspersonal, hat die fröhliche See der Hoffnung verlassen. Was ist Hoffnung? Wenn wir Hoffnung ad hoc definieren als den Wunsch, von vielen denkbaren Möglichkeiten möge eine gute eintreten, dann müsste Deutschland zumindest eine realistische Möglichkeit benennen können, dass es besser wird, nach welcher es wieder gut werden wird – sonst hat es eben keine Hoffnung.

Wir hoffen nicht mehr, dass es gut wird – wir hoffen, dass es nicht ganz so schlimm wird.

In (nicht nur) eigener Sache

Ich blogge seit nun über 600 Essays unter eigener Marke auf www.dushanwegner.com, davor eine Zeit lang bei anderen freien Medien, vor allem bei tichyseinblick.de (dort und anderswo, etwa achgut.com, bis heute als »Reprint« dieser Blog-Texte). Ich beobachte an mir selbst, dass meine Absicht sich über die Jahre verändert hat.

Der Zweck des Philosophierens, so gab Wittgenstein einst an, sei es, »der Fliege den Weg aus dem Fliegenglas zu zeigen«, und das adaptiere ich gern, schon länger (mich selbst zuerst als die zu befreiende Fliege deutend), doch wofür das »Fliegenglas« und wofür »befreien« stehen, das änderte sich über die Jahre.

Ich hatte einst die vage, ja, Hoffnung, dass ich mit meinen Texten etwas Fairness in die Debatte bringen könnte, sprich: Dass sich nicht immer nur der mit dem lautesten Mikrofon und den tiefsten Taschen durchsetzen kann (meist also: Staatsfunk, Ministerien, NGOs und Medienkonzerne), dass Menschen lernen zu verstehen, dass der andere eben andere Strukturen als relevant empfindet. Ich war naiv.

Ich glaube noch immer an die Fähigkeit des Einzelnen, klug in der eigenen Sache, einfühlsam gegenüber dem Gegenüber und, ja, weise in Angelegenheiten der Gemeinschaft zu sein – ich habe aber die Illusion aufgegeben, die Deutschen als Ganzes hätten gelernt, der Wahrheit von oben zu misstrauen – am ehesten sind noch einige in der Ex-DDR vorsichtig, und das sehr zum Zorn deutschlandhassender Ideologen im Westen.

Ich schreibe weniger denn je, »um etwas zu verändern«, und zugleich mehr denn je. – Soll heißen: Leser schreiben mir, dass meine Arbeit, ob Relevante Strukturen oder die Essays, ihnen ein Ansporn war, über ihre »relevanten Strukturen« nachzudenken und ihre »Kreise zu ordnen«. Kann ich »die Welt« verändern? Wenn mit »Welt verändern« gemeint ist, Deutschlands Kurs zu korrigieren, weg von den Klippen, dann habe ich ernsthafte Zweifel – wenn aber mit »Welt verändern« gemeint ist, einer Zahl von Menschen zu helfen, »am Wahnsinn nicht wahnsinnig zu werden«, dann, so wird mir gesagt, habe ich »die Welt verändert«, und ich habe vor, es weiterhin zu tun, solange meine Kraft reicht.

Wittgenstein spricht von »der Fliege«, doch es gilt, frei nach einer Kölschen Lebensweisheit: Jede Fliege ist anders!

Kein öffentlicher Denker kann allen »Fliegen« einen Weg aus ihrem Fliegenglas weisen, er ist ja selbst eine, und nicht selten eine, die sich besonders tief im Fliegenglas gefangen hat.

Manche Fliegen und Fliegengläser versteht der Philosoph nicht, andere Fliegen fühlen sich in ihrer Gefangenschaft zu wohl, um überhaupt aus dem Fliegenglas hinaus zu wollen. Aber einigen Fliegen einen Weg gewiesen zu haben (hoffentlich sich selbst einschließend), das wäre doch auch schon ein Erfolg.

Glaube an die Sonne

Täglich grüßt uns das Murmeltier, und zwar in der neuen deutschen Version, mit Äxten, Schlachtermessern und Fußtritten gegen den Schädel.

Jede Zeit lehrt eine neue Kunst, und diese Zeit muss uns lehren, am Wahnsinn nicht wahnsinnig zu werden.

Ich versuche, mich selbst in die Szene meiner eigenen kleinen Geschichte zu versetzen, an den See. Es ist Wind aufgekommen, heftiger Wind. Wellen und Gischt bedecken das Wasser, man sieht keinen Himmel darin.

Aus der Zeit des Dritten Reiches ist uns folgender Vers überliefert (als Quelle wird mal das Warschauer Ghetto angegeben, mal ein Keller in Köln, wo Verfolgte sich versteckten):

Ich glaube an die Sonne, auch wenn sie nicht scheint.
Ich glaube an die Liebe, auch wenn ich sie nicht fühle.
Ich glaube an Gott, auch wenn er schweigt.

Der Geist des Faschismus ist wieder da (war er jemals fort?), und er nennt sich »Antifaschismus«, und das »Anti« ist als Spiegelbildlichkeit zu verstehen. Der Verstand muss den Geist zur Hoffnung zwingen. Dann kann man sagen: Ich glaube an die Sonne, auch wenn sie nicht scheint.

Wer heute in mancher Innenstadt umhergeht, manche Schule besucht oder wer in die tatsächlichen Nachrichten schaut, der sieht Gischt und Wellen, Unruhe und berechtigte Furcht, der sieht wenig ruhige See. Da spiegelt sich wenig Himmel darin, es ist wenig höhere Ordnung zu spüren. Dass sich der Himmel nicht im See spiegelt, heißt aber nicht, dass es keinen Himmel gibt.

Wie endet der Tag?

Wird dieser unser See wieder zur Ruhe kommen? Natürlich wird er das, ich weiß nur nicht, wann und wie – und ob wir dann noch am Leben sein werden.

Weil ich so wenig Einfluss darauf habe, ob das Land zu Vernunft und Ruhe kommt (und weil ich nicht weiß, wie der Weg zurück aussehen soll), versuche ich zumindest selbst zur Ruhe zu kommen, meine Kreise zu ordnen.

»I have measured out my life with coffee spoons«, schreibt T.S. Eliot im »Love Song Of J. Alfred Prufrock«, frei übersetzt etwa: Ich habe mein Leben in Kaffeelöffeln ausgemessen, oder: geplant.

Ich vermesse mein Leben in erfolgreichen Tagen. Wie endet der Tag? Haben Elli und ich dazugelernt? Hat meine Familie dazugelernt? Und, als Schreiber: Sind meine Leser und ich klüger geworden? Etwas weniger unweise sogar? Sind wir stärker als wir es gestern waren? – Haben wir gestützt, was uns wichtig war, und alles gegeben, uns zu behüten vor dem, was uns schaden will? Haben wir Schönes gesehen? Haben wir uns oft genug gefreut?

Sie ist schmerzhaft, diese Ohnmacht gegenüber der Ungerechtigkeit, welche »die da oben« über uns bringen, doch wenn wir innerlich aufgewühlt bleiben, dann haben die Linken nicht nur äußerlich gewonnen (ihre Slogans wie »Deutschland du mieses Stück Scheiße« und »Nie wieder Deutschland« sagen ja recht deutlich, was sie wollen), wenn wir immerzu aufgewühlt bleiben, dann haben sie auch uns kaputt gemacht, und zumindest diese ihrer perversen Freuden will ich denen nicht gönnen.

»Was siehst du jetzt, wenn du den See betrachtest?« fragte der Meister. 

Ich schaue in mich, so viel Svādhyāya sei mir gestattet, und ich frage mich: Was spiegelt sich in mir? Ich wünschte, ich könnte sagen, es sei immer »der Himmel«, doch an manchen Tagen ist da einfach zu viel Gischt, zu viel Wut, zu viel trotzige Weigerung, das Unabwendbare als solches hinzunehmen.

Es werden ruhigere Tage kommen. Es müssen ruhigere Tage kommen. Der See wird wieder still werden. Noch sind die ruhigeren Tage nicht da. Noch sind sie nicht einmal am Horizont. Aber dass wir sie uns überhaupt noch vorstellen können, das zumindest ist ein Zeichen der Hoffnung. Solange wir uns nach Ruhe sehnen, solange tragen wir in uns den Weg und die Möglichkeit, zumindest selbst ruhig zu werden.

»Weiterschreiben, Wegner!«

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