10.8.2020

Mittelmaß ist nicht genug!

von Dushan Wegner, Lesezeit 9 Minuten, Foto von Krzysztof Sinica
Jens Spahn bestellt viel zu viele Masken, SPD kürt Olaf Scholz zum neuen Martin Schulz, und Merkel wird ewig herrschen. Woher kommt sie, diese erdrückende Macht der Mittelmäßigen, der Überforderten und Unfähigen?
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Sie kennen den »Oscar«. Und Sie schauen gewiss von Zeit zu Zeit einen Film. Erlauben Sie mir bitte eine Testfrage: Wie viele Filme können Sie nennen, die in den letzten zehn Jahren den Oscar als Bester Film verliehen bekamen?

(Als Auflösung, es waren… 2019: Parasite, 2018: Green Book, 2017: The Shape of Water, 2016: Moonlight, 2015: Spotlight, 2014: Birdman, 2013: 12 Years a Slave, 2012: Argo, 2011: The Artist, 2010: The King’s Speech – alle Gewinner aller Zeiten bei Wikipedia)

Die Frage war nicht, ob Sie von den Filmen gehört haben, sondern ob Sie diese Filme als Gewinner hätten nennen können.

Die Gewinner sind ja keineswegs schlechte Filme! Es sind gute Filme, doch sind sie wirklich »die besten« Filme des jeweiligen Jahres? Es ist diskutabel, länger schon.

Der Oscar hat ein Mittelmaß-Problem, und das liegt an der Art und Weise, wie der Gewinner berechnet wird.

Man würde ja meinen, dass die Mitglieder der Academy jeder für einen Film stimmen, und der Film, der die meisten Stimmen einsammelt, gewinnt eben – doch so ist es nicht – der Fachbegriff »Preferential Balloting«.

Die einigen Tausend Oscar-Wahlberechtigten (aktuell knapp 10.000) geben jeder eine nummerierte Liste von bis zu 10 Filmen an. Als erstes werden die Erststimmen ausgewertet, das ist richtig, doch wenn die Erststimme für einen Film stimmte, der eine bestimmte Mindestprozentzahl nicht erreicht, wird die Zweitstimme dieses Wählers ausgewertet, damit die Meinung dieses Wählers nicht untergeht.

Es ist nicht zu erwarten, dass sich die Hollywood-Profis einig darauf sind, welcher Film ihrer Meinung nach der Beste ist, wofür diese Kategorie dem Namen nach steht, und deshalb ist die Psychologie der Listen-Plätze von 2 bis circa 4 entscheidend für den Oscar als bester Film.

Nachdem der Oscar-Wähler seinen Lieblingsfilm auf Platz 1 setzte, überlegt er sich, wie er den Rest der Liste füllen kann. Gern entscheidet man sich auf Plätze 2 bis 4 für einen Film über Moral und Schuld, etwa (Parasite, Green Book, Moonlight, 12 Years a Slave, Argo, The Shape of Water) oder für einen Meta-Film über die Filmindustrie und ihre Themen und Techniken (The Artist, The King’s Speech, Birdman).

Ein häufiges Beispiel für die Rolle des Wahlsystems beim Bestimmen des Oscar-gewinnenden Besten Films ist der Film Crash, der die Umstände und Folgen eines Autounfalls aus verschiedenen Perspektiven erzählt und schmerzhaft viele Bruchstellen der US-Stadtgesellschaft erzählt. Es ist ein »love it or hate it«-Film, für die einen viel zu oberflächlich, für die anderen tief und wichtig. Im selben Jahr war auch »Good Night, and Good Luck« mit George Clooney nominiert – ein (schwarzweißer!) Meta-Film über die TV-Legende Murrow in der McCarthy-Ära – nach dem heutigen Wahlsystem ein sicherer Gewinner.

Niemand wird Ihnen verübeln, wenn Sie keinen einzigen Bester-Film-Oscar-Gewinner der letzten 10 Jahre benennen konnten (zugleich nehme ich an, dass Sie begeistert aufzählen könnten, welche Ihre Lieblings-Films sind).

Es wäre verständlich, wenn Sie in den letzten Jahren allgemein wenig Lust aufs Schauen neuer Filme hätten. Neue Filme teilen sich zum guten Teil einerseits in das, was Scorsese bloße »Vergnügungsparks« an Stelle erzählender Filme nannte (zwei Stunden lang umherfliegende Helden und dazu flapsige Sprüche; dazu: businessinsider.com, 14.10.2019, und andererseits in politisch korrekte Propaganda-Filme, die wenig mehr als Vehikel »woker« Lieblingsrandgruppen sind (thewrap.com, 7.7.2017: »15 Shows You Should Watch to Stay Woke«, übersetzt: »15 Serien, die du schauen musst, um »woke« zu bleiben – und nein, der Titel ist nicht ironisch gemeint).

Es hat seinen Grund, warum Filme in den letzten Jahren teurer, aber langweiliger werden. Und: Es hat seinen Grund, warum erst die Oscar-Bester-Film-Gewinner in den letzten Jahren zuverlässig ins »solide Mittelmaß« fallen.

Der Grund für das Mittelmaß liegt im System selbst – womit wir bei den Nachrichten wären.

72 Masken pro Einwohner

»Die Gesunden wie Kranken haben Besseres verdient als einen Minister Jens Spahn, für den das Gesundheitsministerium eher seine persönliche Strafkolonie darstellt, und nicht Auftrag und Mission«, schrieb ich im März 2018. Alle Debatten über Verdienst und Strafe sind heute, zwei Jahre später und in der Corona-Pandemie eher müßig.

Spahn verwaltet im Namen und Auftrag des Merkel-Systems die Corona-Krise. Herr Spahn hat Masken bestellt. Viele Masken. Richtig viele Masken. 6 Milliarden Masken, so lesen wir (welt.de, 9.8.2020). 6.000.000.000 geteilt durch die Anzahl der Einwohner Deutschland ergibt: 72 Masken pro Einwohner.

Falls Sie sich fragen, wo Ihre 72 Gratis-Masken bleiben (und mit »gratis« meinen wir: mit geliehenem Steuergeld bezahlt, wie so viel anderes auch): Die Masken wurden wohl zum guten Teil geliefert, doch es gibt noch »offene Fragen«, und mit »offene Fragen« meinen wir offene Rechnungen.

Laut Zeitungsberichten (welt.de, 9.8.2020) klagen aktuell ca. 50 Unternehmen gegen das Gesundheitsministerium, man möge ihnen die gelieferten Masken auch bezahlen, 100 weitere Lieferanten bereiten ihre Klagen vor. Das Gesundheitsministerium spricht von Qualitätsmängeln und angeblich falsch gestellten Rechnungen. Andere befürchten, dass man im Haus des Herrn Spahn schlicht den Überblick verlor.

Erst erklärte Merkels Gesundheitsminister die Warnungen vor dem Virus zur »Verschwörungstheorie« (siehe Essay vom 13.3.2020) – dann geriet er vermutlich in Panik und bestellte 72 Masken pro Einwohner, 6 Milliarden papierne Gesichtswickel – was das auch für eine Umweltsauerei ist! Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Bankkaufmann sich verrechnet und der Steuerzahler den Fehler bezahlen muss.

Es klingt wie eine verrückte Vorstellung, ich weiß, doch Herr Spahn war schon mal als Kanzlerkandidat der CDU im Gespräch, ach ja… – wo wir aber über Männer sprechen, die keine Chance gegen Merkel haben (und wenn sie eine Chance hätten, wären sie längst abgesägt worden): Der in der Politik dilettierende Arm des SPD-Konzerns hat Herrn Olaf Scholz zum Nachfolger der Erfolgstypen Martin Schulz und Peer Steinbrück erklärt (zeit.de, 10.8.2020).

Olaf Scholz wurde bundesweit bekannt, als er noch Hamburgs Bürgermeister war und beim G20-Gipfel spektakulär versagte. In klügeren Zeiten wäre das G20-Desaster genug Grund für Rücktritt und Karriereende gewesen (vergleiche spiegel.de, 8.7.2017) – im Propagandaland Deutschland ist spektakuläres Versagen die Qualifikation, Bundesfinanzminister zu werden, als Nachfolger für den kommissarischen Altmaier und den feinen Herrn Schäuble. (Randnotiz: Wolfgang »100.000-Mark-im-Schwarzen-Koffer« Schäuble ist auch für die Beurteilung der Nebenverdienste von Abgeordneten zuständig, also auch die eines Herrn Amthor, siehe sueddeutsche.de, 23.6.2020. Der Bundestag hat das Amthor-Prüfverfahren jüngst eingestellt, siehe spiegel.de, 6.8.2020.)

Die politische Geschichte des Olaf Scholz ist eine politische Geschichte des Scheiterns (vergleiche etwa stern.de, 2.12.2019) – also genau richtig für eine Karriere in der merkwürdigen Merkel-Ära.

Anfang August las man wieder von Herrn Scholz in den Nachrichten. Es ging um den »Wirecard Skandal«. Es standen wohl etwa 1.9 Milliarden Euro als Aktiva in der Bilanz, die man nicht belegen konnte (siehe etwa spiegel.de, 5.6.2020). Laut seinen politischen Gegnern trägt Scholz eine politische Mitverantwortung am Gesamtskandal (bild.de, 4.8.2020).

Man muss es der SPD bestätigen: Ja, Olaf Scholz ist genau der richtige Kandidat für die Rent-a-Sozi-Partei. Ein alter weißer Mann, der trotz offensichtlicher Überforderung immer weiter nach oben steigt. Was für ein Sinnbild! Und nein, es ist kein Wunder, dass die umbenannte SED schon mit dem Huf scharrt, unter Scholz ein Stück politische DDR in die deutsche Bundesregierung zu bringen. (Die Ex-FDJ Merkel läuft ja formal unter »CDU«.)

Deutschland hat ein Mittelmaß-Problem. Ich tue mir schwer, einen Herrn Spahn oder einen Herrn Scholz persönlich dafür zu kritisieren, dass sie offensichtlich in der Sache überfordert und an Weisheit unterqualifiziert sind. Spahn wie Scholz sind Früchte eines politisch-medialen Systems, das Mittelmäßigkeit fördert.

Wer sich etwa in Lokalpolitik engagiert, der weiß, dass Politik viel »Sitzfleisch« bedeutet. Da sein, in Sitzungen endlose Punkte und Unterpunkte ausdiskutieren. Mehrheiten suchen und Kompromisse ausloten. Das ist wichtig und richtig, wenn es demokratisch und korrekt zugehen soll, doch die notwendigen Abendschichten in Besprechungsräumen (oder auch mal beim Italiener) führen dazu, dass sich zuletzt nicht der klügste, sondern der zäheste durchsetzt. Es gibt einen Punkt, an dem man einfach sagt, »machen wir das halt so«, weil man nach Hause möchte.

Nicht jeder Spahn, Scholz, Kühnert oder Habeck ist an seine Position gekommen, weil er der klügste und fähigste Mann im Raum war – mancher war einfach nur zäh und geduldig genug. Politik belohnt oft die zähesten – und die können schon mal eher »Mittelmaß« sein – welcher tatsächliche Hochleister wird sich die jahrelange Pein des Aufstiegs in einer Partei antun?

Die sogenannte »Elite« ist in der Politik zuerst eine Machtelite, keine Kompetenzelite. Diese Leute verstehen sich darauf (und sind dazu bereit), an die Macht zu gelangen – und das war’s oft. Ich habe einmal die Grünen als »eine Partei wie ein Affe mit Maschinengewehr« beschrieben: Die Fähigkeit (oder: Geduld), an Macht oder Maschinengewehr zu gelangen, ist nicht dieselbe, wie jene, Macht oder Maschinengewehr gefahrlos und zum Wohl des Landes einzusetzen.

Spahn, Kühnert, Scholz und sogar Merkel sind, wer sie sind – was brächte es, ihnen vorzuwerfen, dass sie sie selbst sind? Das wahre Problem ist das System, das solches Mittelmaß, solche Überforderung und Unterqualifikation an die Macht bringt! Im April 2020 schrieb ich, dass Merkel die Kanzlerin bleibt, und zwar »so lange sie will« – gemäß unserer Diagnose vom systembedingten Mittelmaß könnten wir tatsächlich eine weitere Wahlperiode mit der großen Zerstörerin gestraft sein.

Heute und Deutschland

Wenn man sein Gehirn nicht frittieren möchte, steht es einem frei, auf das Schauen von Hollywood-Filmen zu verzichten. Wer wählt denn heute noch Filme danach aus, ob sie einen Oscar gewonnen haben? (Oder liest Bücher nach irgendwelchen Literaturpreisen, die ihnen als Auszeichnung für politische Stromlinienförmigkeit verliehen wurden.)

Politischen Systemen lässt sich nicht so einfach ausweichen wie Hollywood-Filmen, zumindest nicht ohne seine Heimat zu verlassen. (Die SED hatte bekanntlich eigene Methoden, wie man Bürger davon abhält, »den Film zu wechseln«.)

Es heißt, jedes Volk habe die Regierung, die es verdient, doch ich widerspreche.

Eine Reihe von Ostblockstaaten litten jahrzehntelang unter einer UdSSR-kontrollierten Diktatur, und wie sollten sie es »verdient« haben? War es ihre Schuld, als Kollektiv oder gar als Einzelne, dass sie nach dem Zweiten Weltkrieg der bösen Seite zugeschlagen wurden und in sozialistische Gefangenschaft gerieten?

Aufs Heute und auf Deutschland angewandt: Ist es die Schuld der Deutschen, als Kollektiv wie auch als Einzelne, dass sie von Mittelmaß und Unvermögen regiert werden? Ich antworte: Jein.

Es ist eine dem politischen System der Demokratie inhärente Eigenschaft, dass sich regelmäßig jene durchsetzen, die vor allem »Sitzfleisch« beweisen. Was aber wäre die bessere Lösung? Am so schnellen wie peinlichen Scheitern der »Piraten« sahen wir die verheerenden Folgen eines Systems, innerhalb dessen unerfahrene Akteure »spontan« nach oben gelangen können. Der »Sitzfleisch«-Faktor der Parteiendemokratie ist ein Problem, seine vollständige Beseitigung würde ganz andere und weit ärgere Unwuchten entstehen lassen.

Wenn wir nicht am Wert des Beharrlichkeit drehen wollen, bleibt die Frage, welche Beharrlichen wir als Bürger an die Macht wählen!

Ich erinnere mich noch immer mit Grausen daran, wie Schröder einen von Merkel vorgeschlagenen Schatten-Finanzminister Paul Kirchhof damit in den Augen seiner Wähler abqualifizierte, dass er »dieser Professor aus Heidelberg« sei (vergleiche etwa tagesspiegel.de, 20.6.2011) – besonders in linksgrünen Kreisen rühmt man sich geradezu damit, wenig zu wissen. (Bei Bedarf kann man sich die Doktorarbeit ja aus dem Internet zusammenkopieren.)

Die 1968er haben in Deutschland die Dummheit hoffähig gemacht – und die Kompetenz verdächtig (siehe auch: »Es gibt kein Recht auf Dummheit«).

In Staatsfunk und von der Regierung co-finanzierten Zeitungen bestimmen vollständig unqualifizierte »Aktivisten« die Debatte, während Zweifel an deren Thesen und Forderungen mit den üblichen Parolen diffamiert werden. Debatten werden durch Emotion und Empörung gewonnen, wer Sachargumente in die Talkshow einbringt, wird schnell unterbrochen (»das ist mir jetzt zu theoretisch«) und nicht nochmal eingeladen.

Der einzige Weg, das politische Niveau zu heben, bestünde darin, klügere Politiker zu wählen – und dem lähmenden Dummheitskult laut zu widersprechen.

Wir werden vom peinlichen Mittelmaß regiert. Wenn wir klüger regiert werden wollen, müssen wir klüger wählen. Damit wir aber klüger wählen können, würde es helfen, wenn wir selbst klüger werden, viel klüger!

»Weiterschreiben, Wegner!«

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