26.01.2022

Moralisch ist, was möglich ist – bätschi!

von Dushan Wegner, Lesezeit 7 Minuten, Foto von Roksolana Zasiadko
Eine politische Klasse, die eine Andrea Nahles auf einen hochdotierten, öffentlichen Versorgungsposten hebt, hat sich von Moral und Anstand verabschiedet – und wir trauen denen auch manches Andere zu. Wie soll man da nicht zynisch werden?!
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Akzeptiere gewisse unverrückbare Wahrheiten, so mahnt Baz Luhrmann: Politiker werden fremdgehen. Du wirst alt werden. Und wenn du alt wirst, wirst du fantasieren, dass die Preise in deiner Jugend vernünftiger und die Politiker nobler waren, und dass Kinder die Älteren respektierten (meine Übertragung aus dem Englischen, siehe youtube.com und genius.com).

Der Sprechgesang-Song wurde im Jahr 1999 veröffentlicht, also vor etwa 23 Jahren. Ich habe davor und danach ich-weiß-nicht-wie-viele Songs, Texte, Filme und andere Inhalte konsumiert. Spätestens seit die sozialen Medien aufkamen, würde ich keine Schätzung abzugeben wagen, wie viel Geschriebenes, Vertontes oder Gefilmtes ich aufnahm. – Die Zahl der Inhalte, die ein jeder von uns über die Jahrzehnte aufnimmt, wird leicht in die Millionen gehen. Umso interessanter ist für die Selbsterforschung die Frage, welche Inhalte sich derart in unser Bewusstsein und Gedächtnis einprägten, dass sie uns noch Jahre und Jahrzehnte später immer wieder einfallen – für mich gehört dieses Lied dazu.

Ich war 25 Jahre alt, als der Song »Everybody’s Free (To Wear Sunscreen)« von Baz Luhrmann erschien, und ich muss wohl reichlich naiv gewesen sein. Es muss mich wohl ehrlich schockiert haben, dass alle Politiker fremdgehen werden, und dass das eine unabänderliche Wahrheit sei, und dass der Glaube, dass es früher anders gewesen sei, eine Illusion des Alters sei.

Ich interpretiere das im Song erwähnte Fremdgehen (wörtlich: »philander«) als generelle Unmoral. Der Autor sagt: Akzeptiere es als Wahrheit und Grundkonstante der Welt, dass Politiker unmoralisch sind – womit wir natürlich bei den Nachrichten des Tages wären.

Und andere Clownereien

Ich weiß nicht, ob deutsche Politiker den Bürger und die Demokratie aktiv verhöhnen wollen, oder ob sie es nebenbei aus blanker Nonchalance tun. So oder so: Eine Frau, die (laut Wikipedia, Stand 26.1.2022) in ihrem Leben noch keinen Tag außerhalb der Politik gearbeitet hat, deren höchste moralische Leistung wohl darin besteht, ihre mit Stipendium gesponserte Promotion abgebrochen zu haben, statt sie mit einer Fake-Doktorarbeit wie so viele Gestalten aus der Politik-Bande abzurunden, die sich als Arbeitsministerin »massiv verrechnet« hat, um etwas »Klientelpolitik« zu treiben (so focus.de, 25.1.2022), welche als SPD-Vorsitzende so richtig gründlich gescheitert ist, genau die soll an die Spitze der Arbeitsagentur gestellt werden (tagesschau.de, 25.1.2022).

Laut ihrem Geschäftsbericht schloss die Bundesagentur für Arbeit das Jahr 2020 mit einem Rekorddefizit von 26,34 Milliarden € ab – und zahlte 809.000 € an die drei Mitglieder ihres Vorstands aus (arbeitsagentur.de, PDF, S. 128). Es waren in sympathischer Einigkeit die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände und der Deutsche Gewerkschaftsbund, welche Andrea Nahles nun für den vom Steuerzahler zwangsweise wohldotierten Posten vorschlugen – und man kann davon ausgehen, dass das Scholz-Kabinett es brav abnicken wird.

Nahles leistete in ihrem Leben nie irgendwas Nennenswertes außerhalb der Politik – und in der Politik fiel sie vor allem mit Peinlichkeiten wie dem Singen des Pippi-Langstrumpf-Lieds im Bundestag (YouTube) und anderen Clownereien auf. Es ist eine ironische Randnotiz: In diesem Nahles-kritischen Video-Clip von 2018 macht sich der Staatsfunk-Comedian Ehring darüber lustig, dass Olaf Scholz erklärt, dass die SPD den nächsten Kanzler stellen will. Nahles aber wird umso politisch erfolgreicher, umso übler sie scheitert.

Wenn ein Undemokrat ein grundsätzliches Argument gegen die Demokratie anbringen wollte, bräuchte er nur zu sagen: »Die Demokratie ist ein System, das Gestalten wie Olaf Scholz und Andrea Nahles nach oben bringt.«

Die Stinkefinger

Das Problem mit der Politik und Politikern ist, dass die Moral zwar dem Menschen von der Evolution einprogrammiert wurde, allerdings nur eine Moral maximal auf Stammebene, und selbst da gerät sie immer wieder an ihre konzeptionellen Grenzen. Ein Politiker, der sich nicht zuvor eine »höhere« Moral antrainierte, wird in der Politik weiter in einer primitiven Moral verharren, deren tatsächliche relevante Strukturen im Endeffekt immer nur er selbst, dazu (hoffentlich?) seine biologische Familie und seine unmittelbaren Kumpels sind.

2017 schrieb ich eine Essay-Tetralogie zur SPD mit dem Titel »Das sollen die Guten sein?« (Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4) – Ach, ich arbeitete mich auch später schmerzhaft oft an diesem politischen Pfuhl ab, etwa 2018 oder 2019. Die SPD ist für manchen Politikbeobachter der Inbegriff der politischen Unanständigkeit. Während Merkels Denken schlicht die Fortsetzung gewisser Aspekte des DDR-Denkens mit westlichen Mitteln zu sein schien, wirkt die heutige (!) SPD schlicht wie die parteigewordene Abwesenheit von Moral. – Oder, anders gesagt: »Für die Rent-a-Sozi-Partei (cicero.de, 16.12.2021) gilt: Moralisch ist, was möglich ist – bätschi!«

Der Mensch ist nicht zur großen Moral geschaffen. Die Moral ist dem Menschen angeboren, um das Leben im Stamm zu organisieren – und sich zu vermehren. Im Unterbau der meisten Parteien finden sich Menschen, die noch die guten alten Bücher lesen und »höhere« Moral kennen, doch gerade die heutige SPD ist dafür bekannt, vollständig in ihrer eigenen, von aller Weisheit abgeschotteten Welt zu leben. (Ich höre von Lesern, dass sie bei FDP und AfD schon mal ein Ohr in der Spitzenetage finden. Bei den Grünen gibt es den Philosophen Habeck. Die CDU muss sich ohnehin nach Merkel erstmal berappeln – und sollte dringend einige Merkelisten loswerden. Die SPD-Chefetage und das Willy-Brandt-Haus aber werden selbst von treuen SPD-Anhängern als weltfremdes Raumschiff beschrieben – das sich allerdings immer wieder in Positionen der Macht zu manövrieren weiß.)

Es ist absolut und ohne jeden Zweifel konsequent, wenn die Berliner Küsschen-Gesellschaft eine Nahles auf einen Posten setzt. Es ist das – um Nahles selbst zu zitieren – große »Bätschi« an alle anständigen Bürger, die ehrlich arbeiten, die für ihr Geld etwas leisten. Die SPD ist die Partei, die Bürgern besonders gern den Stinkefinger zeigt, ob etwa Steinbrück (sueddeutsche.de, 12.9.2013) oder Gabriel (zeit.de, 17.8.2016). Nahles auf einen superbezahlten Versorgungsposten zu setzen ist ein weiterer Stinkefinger, den die SPD allen Arbeitenden und dem Land selbst zeigt.

Der erste Schritt

Schon beim Schreiben dieser rohen Zusammenhänge spürte ich Wut in mir hochkochen. Es ist eine alte und doch ewig neue Wut.

Jedoch, diese Wut richtet sich nicht nur gegen die blanke Ungerechtigkeit, wenn wieder mal die Falschen nach oben gespült werden. Es macht mich wütend, wie viele Chancen und Möglichkeiten verplempert werden von einer Politik, welche sich zuerst und zuletzt für ihre paar Pöstchen interessiert.

Wenn Demokratie wirklich dazu da ist, Gestalten wie Scholz und Nahles und wie-sie-alle-heißen zu versorgen, dann könnte man womöglich bald verstehen, dass so viele Nationen auf diesem Globus es lieber mit anderen Staatsformen versuchen.

Ich spüre meine Wut, doch ich will mir nichts vormachen: Ein guter Teil meiner Wut ist Hilflosigkeit. Ich kann nichts ändern, und mir klingt das vulgäre »Bätschi« im Ohr.

Ich spüre meine Wut, ich bemerke sie, und ich habe von Meditierenden gelernt, dass das Anerkennen der eigenen Emotionen der erste Schritt ist, eben diese loszulassen, nicht ihr Knecht zu sein.

Politiker sind unmoralisch, und wir werden alt, ganz wie Baz Luhrmann in jenem Song sagt. Die Kunst des Lebens als Mensch und Bürger in einem Staat, sie besteht auch und recht wesentlich darin, beides als Wahrheit zu akzeptieren. Die Frage ist nicht, ob Politiker unmoralisch sind – sie sind es, besonders wohl wenn sie der Bundes-SPD angehören. Die Frage ist nicht, ob wir alt werden – wir werden alt, und was für uns bleibt, sind erstens unsere Erinnerungen und zweitens, was wir aus dem ganzen Spaß lernten.

Wenn es egal wäre

Wie wird man glücklich trotz Nahles? Wie wird man glücklich, sehr wohl wissend, dass Politiker unmoralisch sind? Es wird »innere Arbeit« erfordern.

Vertun wir uns nicht: Es käme bald einer psychischen Störung gleich, wenn es uns egal wäre, dass diese Leute tun, was sie tun. Es ist okay und es ist richtig und es ist wichtig, dass es uns nicht egal ist. Ein jeder, der sich über Berlin aufregt, hat mehr Anstand als diese ganze Bande zusammen.

Es ist nicht egal, aus vielen Gründen nicht, was da passiert. Es zerstört das Vertrauen der Bürger (ein echtes Argument gegen die mRNA-Impfung ist doch, dass ich den Politikern, die darauf drängen, aus Erfahrung eher nicht vertraue – und mein Vertrauen in Impfärzte, die sich mit profitablen Serienimpfungen ihre Ferienvilla finanzieren können, ist heute auch eher überschaubar).

Ich will nicht abstumpfen, nicht kalt und gleichgültig werden. Ich will aber lernen, diese Ereignisse als das anzuerkennen, was sie sind – und meinen Tag unabhängig von ihnen zu gestalten.

»Du blickst nach Berlin, und der Abgrund blickt zurück«, so schrieb ich 2018, und der Abgrund stinkt heute bald noch schwefliger als damals. – Ich will nicht eine Sekunde länger in den Berliner Abgrund starren, als es unbedingt notwendig ist, um zu wissen, was gerade ansteht. Dann will ich mein Leben planen, meine Arbeit erledigen.

Akzeptiere gewisse unverrückbare Wahrheiten, so ermahne ich mich heute selbst. Politiker sind unmoralisch, und ein jeder von uns wird täglich älter. Ich bin nicht dafür verantwortlich, was die Figuren in Berlin tun – erst recht nicht, wenn ich sie nicht gewählt habe. Ich bin aber dafür verantwortlich, was ich mit jedem einzelnen Tag anstelle.

Ob ich meine Kraft und meine Tage zum Nutzen der Menschen einsetze, das ist meine erste Verantwortung, und diese Wahrheit gibt mir tatsächlich etwas innere Ruhe. Ich kann nicht kontrollieren, was sie in Berlin tun, also kann ich es auch nicht verantworten. Ich kann und will aber gern verantworten, ob ich den Menschen, die auf mich bauen, nach bestem Gewissen und Können gedient habe.

In diesem Sinne also, liebe Leser, hoffe ich, Ihnen mit diesen Zeilen gedient zu haben, und ich wünsche Ihnen in diesen unruhigen Tagen ein extra ruhiges Gemüt.

Ich danke Ihnen!

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