Dushan-Wegner

05.04.2023

Wir lernen das!

von Dushan Wegner, Lesezeit 4 Minuten, 'ntschuldigung, wo geht es hier lang?
»Wir schaffen das nicht mehr!«, so liest man inzwischen offen. Gemeint ist die Versorgung von Tausenden Migranten und Flüchtlingen. Kühl gefragt: »Nicht mehr« impliziert, dass es einen Zeitpunkt gab, an dem man »das schaffte«. Wann war der?
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Wenn die Ereignisse eines Tages sich am nächsten Tag identisch zu wiederholen scheinen und dann wieder und dann wieder, dann zitieren wir bis heute den Titel eines Films aus dem Jahr 1993, als solche Filme noch produziert wurden: »… und täglich grüßt das Murmeltier«.

»Täglich grüßt das Murmeltier« bedeutet, dass wir zwar in einen neuen Tag hinein aufgewacht sind, die Welt um uns herum aber aus rätselhaften Gründen dasselbe Stück wie gestern aufzuführen scheint.

»Murmeltier-Tag« steht für ein Déjà-vu, das nicht nur einen kurzen und eben vergangenen Augenblick lang dauert, sondern den ganzen Tag – und schmerzhaft zuverlässig in seinen Details vorhersagbar ist.

Kein persönliches Mittelalter

Ich lese seit einiger Zeit nun praktisch täglich Variationen derselben Schlagzeile, inhaltlich.

Heute lautet die Variation: »Wir schaffen das nicht mehr! Jeden Tag 1000 neue Geflüchtete in Deutschland« (focus.de, 4.4.2023)

Vor einigen Wochen erst, im Essay »Wie oder ob?« vom 16.2.2023, schrieb ich vom »Flüchtlingsgipfel« des Innenministeriums. Auch damals waren die »Kommunen an der Kapazitätsgrenze« (tagesschau.de, 16.2.2023).

»Wir schaffen das nicht mehr!«, so heißt es heute ganz offen. Nein, wirklich?! Ein Zyniker könnte anmerken wollen, dass die Formulierung »nicht mehr« impliziert, es habe einen Zeitpunkt gegeben, an welchem man »das« geschafft habe.

Dabei bezog sich Merkels Satz »Wir schaffen das!« auf einen Zeitpunkt in der Zukunft! (Zu jenem Satz siehe auch meinen Essay »Die Mutter aller Lügen« vom 4.9.2020.)

Es widerfährt ja manchem Menschen, dass er vor lauter Alltag und Pflichten von »jung« nach »alt« springt, ohne je ein wirkliches »persönliches Mittelalter« bewusst erlebt zu haben.

Ähnlich ist Deutschland vom »Wir schaffen das (in der Zukunft)« zu »Wir schaffen das nicht mehr« gesprungen. Wann war die Phase, in der »das« tatsächlich »geschafft« wurde? Wann haben wir auch nur einmal ehrlich ausgesprochen, was »wir«, »schaffen« und »das« jeweils genau bedeuten sollten?

Ich kann in Zuversicht sagen, dass die Sonne auch morgen und in einem Jahr aufgehen wird, weil sie heute und gestern aufging, und das seit die Erde erschaffen wurde, bis auf eine dokumentierte Ausnahme, siehe Josua 10, 12–14. (Natürlich denken Sie jetzt gleich: »Ha, da ist doch noch der Tag ohne Sonne in der Phaeton-Metamorphose!« – Lassen Sie uns für jetzt davon ausgehen, dass es sich um denselben Tag handelt. Wenn es zwei verschiedene gegeben hätte, dann wären sie ja beide in beiden Quellen notiert worden.)

Es ist gerechtfertigt, davon auszugehen, dass auch morgen die Sonne aufgehen wird. Und es ist gerechtfertigt, davon auszugehen, dass auch morgen und in einem Jahr – und jeden Tag dazwischen –  Menschen zu Tausenden nach Deutschland kommen werden. Einige davon aus dem Grund, dass sie und ihre Familien in Deutschland ohne einen Handschlag Arbeit besser leben können, als bei harter und täglicher Arbeit in ihrem Heimatland.

Wie realistisch?

Ich schreibe gelegentlich und gern von Hoffnung, doch es ist kein bloß gefühliger Wischiwaschi-Begriff. Hoffnung bedeutet für mich die persönliche Entscheidung, davon auszugehen, dass unter den verschiedenen Möglichkeiten eine wünschenswerte eintreten wird.

Mein Begriff von Hoffnung motiviert also zu Handlungen, welche die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass das Erhoffte auch eintritt.

Das heißt aber eben auch: Hoffnung setzt eine realistische Möglichkeit voraus. Wie realistisch ist die Möglichkeit, dass Deutschland zu Sinnen kommt, dass die Migrationsindustrie und ihre internationalen Akteure in absehbarer Zeit ihr Geschäft einstellen?

Was aber ist die rationale Alternative zur Hoffnung, wenn Hoffnung nicht mehr rational möglich ist?

Wo Hoffnung schlicht nicht rational möglich ist, da bleiben rational eben Zynismus, Schicksalsergebenheit und ein Sich-Abfinden – oder eben Flucht.

Was alles möglich ist

Im Film »Groundhog Day« (»… und täglich grüßt das Murmeltier«) durchlebt der Hauptdarsteller wieder und wieder denselben Tag, und zunächst ist er darüber ebenso irritiert wie wütend.

Es gibt verschiedene Theorien und Zählungen dazu, wie viele Tage er tatsächlich durchlebt. Schätzungen gehen von Jahrzehnten aus, bestehend aus Wiederholungen desselben einen Tages! Siehe dazu das Video »Groundhog Day lasts HOW LONG for Bill Murray?« auf YouTube.

Doch das Schicksal will ihn wichtige Lektionen lehren. Der Hauptcharakter Phil (Bill Murray) versucht, mit Gewalt der Zeitschleife zu entkommen, bis hin zum wiederholten und spektakulären Suizid. Der Charakter testet, was alles möglich ist, wenn man eine Handlung unbegrenzt oft wiederholen kann. Er raubt beispielsweise einen Geldtransporter aus, indem er im genau richtigen Moment die Geldkoffer an sich nimmt – nach gewiss nicht wenigen Versuchen.

Dann aber, und das ist eine Moral des Films, beginnt Phil seine Tage zu nutzen. Er lernt. Er wächst. Er versteht, was Menschsein ausmacht. Und schließlich befreit er sich aus dem Kreislauf.

Neue Losung, bitte!

Ich will nicht zynisch werden. Ich will mehr an emotionaler Palette vorzuweisen haben, als zynisches Schulterzucken und hilfloses Seufzen.

Wenn es sich täglich wiederholt und wieder und wieder, dann ist nicht »Wir schaffen das!« die passende Losung, sondern »Wir lernen das!«.

Doch auch für die neue Losung »Wir lernen das!« stellen sich die entsprechenden Fragen: Wer genau ist es, der lernen soll? Worin besteht dieses Lernen? Und was ist es eigentlich, wovon man hoffen soll, dass »wir« es »lernen«?

Was auch immer »das« ist, das »wir« »lernen« sollen: Die Frage wird sein, ob wir noch die Kraft und die blanke Möglichkeit haben werden, es umzusetzen.

Zu lernen ist schwer genug, doch wenig wert, wenn man es nicht auch umsetzt.

Lernt!

Und dann, damit sich all die Zeitschleifen gelohnt haben, setzt das Gelernte auch um!

Weiterschreiben, Wegner!

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