26.04.2021

Durch den Morast, Blick auf die Passion

von Dushan Wegner, Lesezeit 10 Minuten, Foto von Dan Seddon
Deutschland stapft durch einen Morast aus Dummheit. Während die Gerneguten sich über Künstler echauffieren, die eine missliebige Meinung zu äußern wagten, versinken die Reste alter Weisheit.
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Während ich diese Zeilen schreibe, klingt aus meinen Lautsprechern die Matthäus-Passion des Johannes Sebastian Bach. Während meiner Theologie-Studiums-Semester durfte ich selbst im Chor bei jenem Werk mitsingen, und wenn man eine Erinnerung auch eine Eigenschaft nennen kann, wird es immer eine meiner Eigenschaften sein, dieses Werk zu lieben.

Es stimmt mich froh, ja, es gibt mir etwas Hoffnung, dass ich nicht allein damit bin, dass es Millionen von Menschen weltweit ähnlich geht – wenn auch diese Millionen von Matthäus-Passions-Bewunderern im Meer der Menschheitsmilliarden nur ein recht kleiner, wenn auch beharrlicher Tropfen sind.

Ich habe das Werk vor einigen Wochen zum wiederholten Mal wiederentdeckt, und ich höre es bei Spaziergängen auf den Kopfhörern. Auf und in die Natur schauen, Schritt um Schritt den Geist in seine Ordnung zurückrütteln, und dazu etwa »Da Jesu merkete…« hören (ja, die Rezitative berühren mich besonders) – das lässt sich doch mit einigem Recht »göttlich« nennen!

Heute Morgen nun, am 26. April 2021, kam unser Sohn Leo an meinen Schreibtisch, und er hielt mir eine handgeschriebene Liste hin. Diese Liste enthielt verschiedene Klassiker, welche sie aktuell im Rahmen des Musikunterrichts behandeln. Die meisten Stücke auf der Liste werden vielen von uns wohlbekannt sein – und bei Vivaldis Vier Jahreszeiten etwa würde ich es Ihnen nicht einmal zum Vorwurf machen, wenn Sie seufzen sollten: »Schön, sehr schön, aber ich hab’s so oft gehört, dass es mir, wie man so sagt, zu den Ohren heraushängt!«

Die Matthäus-Passion aber »hängt mir« noch lange nicht »zu den Ohren heraus«. Wie könnte sie?! – »Nehmet es, das ist mein Leib…« – Man muss nicht dran glauben, damit es wirkt, doch wenn man es hört, wie kann man nicht zumindest ein klein wenig dran glauben? Wenn eine wirklich feine Limousine an Ihnen vorbeifährt, oder auch ein teurer Sportwagen, stellen Sie sich dann nicht einen Augenblick lang vor, wie es wäre, selbst darin zu fahren?

Die übrigen ausgerissen

Gestern, im »Zwischenstand« vom 25. April 2021, schrieb ich:

Es ist für die Zukunft der Welt vollständig gleichgültig, ob Deutschland sich in den Lockdown begibt oder nicht, ob Deutschland sich de-industrialisiert oder nicht, ob Deutschland sich für Europa verschuldet oder nicht, ob Deutschland sich für moralisch hält oder nicht. (Essay vom 25.4.2021)

Und zuvor:

Die morgen für Deutschland relevanten Faktoren werden nicht mehr von Deutschland ausgehen. (Essay vom 25.4.2021)

Die Vierteilung war einst eine Todesstrafe, bei welcher der Leib des Verurteilten an den Gliedmaßen auseinandergerissen wurde. Drei wurden ihm abgerissen, zuletzt blieb logischerweise ein Arm oder ein Bein. Innerlich fühle ich mich heute auch innerlich zerrissen: Die Matthäus-Passion füllt mein Zimmer – »Sind Blitze! Sind Donner!« (siehe YouTube, 1:00:08, aufgeführt übrigens von Niederländern) – und die Matthäus-Passion steht mir heute als Pars pro Toto für unsere Tradition, für unsere alte Kraft, für die Schönheit, welche wir noch immer der Welt bringen könn(t)en. Doch dann senke ich meinen inneren Blick wieder, und ich sehe, womit wir, die Deutschen, heute wirklich beschäftigt sind – und es will mich zerreißen, und ich frage mich, welche meiner Extremitäten wohl zuletzt hängen bleiben wird, wenn sie mir die übrigen ausgerissen haben.

Sich und also auch ihm

Noch weit häufiger als Ihnen gegenüber, liebe Leser, habe ich den berühmten Beginn jenes Niebuhr-Gebets zu mir selbst zitiert, habe mich selbst dazu ermahnt – Sie kennen es ja: »Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.« – Wenn ich sagte, dass das Gelassenheitsgebet mein euphorisches, allmorgendliches »Danke für diesen Guten Morgen!« (erwähnt im Essay vom 23.02.2021) ersetzt hat, wäre das nur insofern unwahr, als jener Kirchenschlager nie Teil meiner Morgenroutine war.

Vor wenigen Tagen erst starb gleich nebenan, in Frankreich, ein Mensch durch islamistischen Terror – in Deutschland wird das einfach abgehakt, wie Meldungen übers Wetter oder der Börsenpreis von Schweinefleischhälften (zdf.de, 23.4.2021). Die sterblichen Überreste des Mörders des Samuel Paty (siehe dazu auch den Essay vom 27.03.2021), Abdullah Ansorow, wurden übrigens letzten Dezember nach Tschetschenien überstellt, wo er »mit allen Ehren bestattet« wurde (faz.net, 7.12.2020), während »Allahu Akbar« gerufen wurde. Ob das künftige Nachahmer eher abhält oder eher motiviert? Wir sehen nichts und wir lernen nichts dazu, und selbst wenn sie den Ostergottesdienst stürmen, und dabei »Allah ist der Größte« rufen, selbst dann merken wir noch immer nichts – die Berichterstattung ist ja auch sehr leise: wetterauer-zeitung.de, 12.4.2021 (man stelle sich vor, wenn Deutsche eine Ramadan-Festveranstaltung entsprechend gestört hätten – der deutsche Staatsfunk würde 40 Tage lang Sondersendungen schalten). Egal, die Deutschen haben für solche Gefahren und Problemchen keine Zeit, die Deutschen haben ganz eigene, viel drängendere Probleme: Jemand war so frech, öffentlichkeitswirksam die Regierung zu kritisieren!

Noch immer empören sich im deutschen Propagandastaat die Gerngehorsamen darüber, dass einige Schauspieler es wagten, die Regierungspolitik zu kritisieren. »Ihr habt eine Grenze überschritten« wird im verfluchten deutschen Staatsfunk moralisiert (tagesschau.de, 25.4.2021), und: »Es gibt keinen Raum mehr für legitime Kritik« (deutschlandfunk.de, 24.4.2021). Es schaudert einen. Wir lernen aus der Geschichte doch vor allem, dass wir nichts aus der Geschichte lernen. 

Die Rufe nach Bestrafung der Abweichler verstummen nicht, und mit Bestrafung meinen wir alles zwischen »nur« wirtschaftlicher Vernichtung und politischem Mord (rnd.de, 26.4.2021). Wenn diese widerrufen und um Gnade winseln, scheint das Johlen des Moralmobs sogar noch greller zu jaulen. Der Wolf, dessen Rivale sich unterwirft und die Kehle anbietet, er kennt dann zumindest Gnade – die Kreaturen aber, welche sich »die Guten« nennen, sie sind kalt und erbarmungslos. Wer in Deutschland einen anderen Menschen tötet, der darf nach seiner Strafe (so er überhaupt bestraft wird), wieder am Leben teilnehmen, ja seine Rehabilitation wird sogar bezahlt und gefördert – wer aber die Regierung zu kritisieren wagt, oder wer gar die Lügen des linken Weltbildes aufzeigt, der soll sozial und ökonomisch vernichtet werden, ausgelöscht und verbannt bis ans Lebensende. Karl Kraus fällt uns ein, welcher das Land der Dichter und Denker ins Land der Richter und Henker neu taufte – und dank der Sozialen Medien kann selbst der allerkleinste Wurm ins kreischende Fasst-sie-Gebrüll der Propaganda einstimmen, in der armseligen Hoffnung, sich dann selbst endlich groß zu fühlen.

Aus meinen Lautsprechern klingt es: »Ist’s nicht möglich, dass dieser Kelch von mir gehe…« – ich seufze. Nein, dieser Kelch wird nicht an uns vorübergehen. Diesen Kelch haben wir uns eingegossen – und es schmerzt wie eine Ungerechtigkeit, dass der Einzelne austrinken muss, was das Kollektiv sich und also auch ihm einschenkte.

Eine rheinische Karnevalskapelle

Im Essay »Wie nennt man es, wenn sie alle gleich schalten?« (5.12.2018) diagnostizierte ich Phänomene, die man begrifflich durchaus »Gleichschaltung« nennen könnte. Im Essay »Kulturschaffende 1934, 1976, 2018« (22.09.2018) zeichnete ich auf, wie es unheilige deutsche »Tradition« ist, wenn Unterhalter sich, oft nicht ganz uneigennützig in den Dienst der von Regierung und Propaganda vorgegebenen Einheitsmeinung stellen. Im Essay vom 27.11.2020 rief ich dann: Willkommen im Propagandastaat! – Wie es sich praktisch anfühlen kann, in einem Propagandastaat zu leben, in welchem selbst der kleinste »Kulturschaffende« wie gleichgeschaltet wirkt, das illustriert derzeit eine rheinische Karnevalskapelle. Die Kölner Musikgruppe »De Höhner« haben ihren niederländischen Gitarristen gefeuert, wohl weil er Meinungen hegte, die von der linksgrünen deutschen Einheitsmeinung abwichen und diese auch nach »Gesprächen« nicht widerrufen wollte (welt.de, 25.4.2021; Band-Facebook-Seite).

Ein weiteres Mal können wir nicht anders, als den Menschenhasser Marx zu zitieren, der dann doch durchaus richtig feststellte, dass die Ereignisse der Geschichte sich zweimal ereignen: »das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce« (via zeno.org). Wir könnten nur vielleicht ergänzen wollen, dass diese Wiederholung als Farce nicht nur einmal passieren muss. Farce, das ist französisch, und es kommt vom Lateinischen farcire, und jenes wiederum bedeutet hineinstopfen. Die Moral der Unmoralischen hat die Eigenschaft, dass wo viele ihre Moral hineinstopfen, immer auch viele weitere die jeweils eigene hinterherstopfen wollen, bis endlich alles ganz verstopft ist, so lange bis dieses oder jenes geschichtliche Laxativ den großen Moralpfropfen wieder löst.

In den abendlichen deutschen Propagandasendungen des Staatsfunks beruft sich derweil die Kanzlerinnenhoffnung der Es-ist-okay-dumm-zu-sein-Partei aufs Grundgesetz. Es erinnert an jenes peinliche Scharnierquietschen, wenn Politiker sich heutzutage frei Verse fabulierend auf die Bibel berufen (siehe etwa den Essay vom 19.3.2018).

Frau Baerbock ruft das Grundgesetz zum Zeugen, dass sie als Frau doch Kanzlerinnenkandidatin werden müsse, ähnlich wie Linksgrüne sich sonst auf Jesus beziehen: Was einem politisch gerade opportun ist, das muss doch bestimmt im Grundgesetz stehen – oder vom Sohn Gottes so beabsichtigt gewesen sein (für Details zum vorliegenden Fall siehe tichyseinblick.de, 26.4.2021).

Vermutlich liegen linke Populisten ja auch sehr richtig darin, wenn sie davon ausgehen, dass die Zielkundschaft ihrer moralischen Kalenderweisheiten weder das Grundgesetz noch die Bibel kennt – jedoch umso brennender bereit ist, buchstäblich alles als Wahrheit-des-Tages anzuerkennen, dessen Fürwahrhalten sie zum braven Mitglied der Einheitsgesellschaft macht (und sie zugleich, als motivierender Bonus quasi, von der Verantwortung für die eigene Gedankenführung befreit).

»… wollte er’s nicht trinken«

Die Zeit ist vorangeschritten, seit ich diesen Essay zu schreiben begonnen habe – die Matthäus-Passion, die aus meinen Lautsprechern klingt, mit ihr. Einige Male habe ich die Musik unterbrochen, um mich auf das Lesen einer Quelle zu konzentrieren (oder, seien wir stets ehrlich, um der Rätselaufgabe nachzugehen, einen eben selbst geschriebenen Satz der Lesbarkeit halber aus seiner Verschachtelung zu befreien).

Elli hat die Kinder zur Schule gebracht, jetzt organisiert sie die anstehenden Angelegenheiten des Tages. Die Künstler in den Lautsprechern bieten ein weiteres Rezitativ dar: »Und da sie an die Stätte kamen mit Namen Golgatha, das ist verdeutschet, Schädelstätt, gaben sie ihm Essig zu trinken mit Gallen vermischet, und da er’s schmeckete, wollte er’s nicht trinken.«

Ich sagte es zuvor (etwa im Essay vom 9.8.2019), und ich betone es immer wieder, denn was meine Sorgen um die Zukunft betrifft, scheint mir dies noch weit wichtiger als irgendwelche Wetterwechsel zu sein: Es ist denkbar wichtig, dass Kinder im Kindesalter die vermeintlich »abstrakten« Lehren alter Weisheit lernen, welche sie erst viele Jahrzehnte später verstehen (können). Nicht nur im Bildungsurlaub gilt, dass man nur sieht, was man zuvor weiß, und wer nicht vorab und rechtzeitig von den alten Weisheiten hörte, der wird jahre- und jahrzehntelang ganz blind durchs Leben stolpern. (Und wer die politischen Konsequenzen dessen erahnen will, wenn eine ganze Generation ohne Weisheit aufwächst, der muss sich schlicht fragen, warum die Grünen gerade bei jungen Wählern so »attraktiv« sind.)

»der kennt euch nicht«

Die Rezitative der Bachschen Matthäus-Passion sind (fast-) wörtliche Zitate aus der Luther-Bibel. Die obige Stelle vom Wein, den Jesus ablehnt, ist in Matthäus 27:33-34 nachzulesen. (Da, wo es im von mir zitierten Bach-Rezitativ »Essig« heißt, sprechen heutige Übersetzungen von Wein (οἶνον); der Essig (ὄξους) wird später gereicht; Matthäus 27:48; damalige Ausgaben enthalten aber tatsächlich Essig, wie Sie selbst nachlesen können.) – Ich habe mich als Kind gefragt, warum Jesus den mit Galle vermischten Wein ablehnt. War es nicht ein Gnadenakt der römischen Soldaten, den Gekreuzigten immerhin ein Betäubungsmittel zu reichen, um die Qualen ihrer letzten Momente ein klein wenig zu lindern?

Heute, Jahrzehnte nach dem ersten Hören jener Berichte, beginne ich zu verstehen, dass es einen eigenen Wert darstellt, die höchsten Höhen wie auch die tiefsten Tiefen mit offenen Augen anzunehmen. Ich beginne zu ahnen, was Goethe meinte, wenn er schrieb: »Wer nie sein Brot mit Tränen ass, wer nie die kummervollen Nächte auf seinem Bette weinend sass, der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte!«

Spreu und Rücken

Ich will unsere Lage exakt so sehen, wie sie wirklich ist. Ich will nicht belogen werden, zuletzt von mir selbst! Ich will nicht den Wahnsinn normal nennen. Ich will nicht den Abgrund sehen, und sagen müssen, dass es ein sicherer Pfad sei. Ich will, so meine Kraft reicht, den Schwamm zurückweisen. Ich will mich nicht an wohlmeinenden Sprüchen und leerer Hoffnung betäuben. Ich werde ja nicht gekreuzigt, nicht einmal metaphorisch – mir droht »nur«, dass ich Vieles verliere, was mir doch heilig und wertvoll war.

Wir waten durch einen Morast der Dummheit. Wir hören die Passion aus den Lautsprechern. – »Mehr Licht!«, so flehen wir mit Goethe, doch wer soll es anknipsen?!

Wir haben einen großen Schatz geerbt, und die, welche diesen Schatz von Amts wegen bewahren sollten, sie sind mächtig, aber elend, sie sind bei aller ihrer Stärke geradezu lächerlich schwach, sie sind innerlich verlottert, sie sind leer wie die Spreu, die der Wind davonträgt. 

Es liegt an uns, an jedem Einzelnen, jeder so viel weiterzutragen und weiterzugeben, wieviel sein Rücken zu tragen vermag.

Am Ende des Tages sagen zu können, dass man weitergetragen hat, was unsre Vorväter uns zu tragen in die Hand gaben, wäre das denn nicht sein eigener Lohn?

»Weiterschreiben, Wegner!«

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