5.8.2020

Die Katze ist tot, lang lebe die (neue) Katze!

von Dushan Wegner, Lesezeit 8 Minuten, Foto von Mathew Schwartz
Das Bruttosozialprodukt sinkt, die Zahl offener Stellen stürzt ab, doch wir reden über Salonsozialisten und verbotene Witze – das kann doch nicht unser Ernst sein!!
red and brown windmill on brown field
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Stellen wir uns einen Mann vor, dem die geliebte Katze auf die Straße läuft – auf die Straße und vors vorbeifahrende Auto.

Die Katze ist hinüber. Vorbei. Tot. (Ähnlich tot wie Monty Pythons toter Papagei; Video online via dailymotion.com.)

Stellen wir uns weiter vor, dass der Mann die Komponenten seiner Katze vom Asphalt aufsammelt – Kopf, Körper, alles, soweit vorhanden – und dass der Katzenbesitzer die Katzenteile zum Katzenarzt bringt, und dass er dort sagt: »Katzenarzt, reparier mir doch fix diese Katzenteile, die etwas lose geworden sind!«

Der Katzenarzt guckt die Katzenteile an, und er sagt: »Katzenbesitzer, diese Katze ist hinüber. Vorbei. Tot.«

Der Katzenbesitzer ruft, ganz verzweifelt: »Nein! Das kann doch nicht sein! Was soll ich nun tun?«

Der Katzenarzt seufzt: »Kaufen Sie eine neue Katze!«

Der Katzenbesitzer – ich korrigiere: Der Ex-Katzenbesitzer protestiert: »Aber ich habe doch das Katzenklo daheim! Und den Katzenkratzbaum! Und die Katzenleine!«

Der Katzenarzt kratzt sich am Katzenarztkopf, und er teilt ihm mit: »Hätten Sie mal die Ex-Katze an der Katzenleine angeleint gehabt – aber ’s ist, wie’s ist: Kaufen Sie eine neue Katze! Ich kann diese aufgeteilte Katze nicht ent-teilen. Wenn’s vorbei ist, ist’s vorbei. Es ist an der Zeit für eine neue Katze!«

Der Gerade-nicht-Katzenbesitzer grübelt, also hilft ihm der Katzenarzt ganz empathisch: »Welche Farbe soll denn Ihre neue Katze haben? Schwarz? Weiß? Braun oder gefleckt?«

Ein Flackern flackert in den Augen des Bald-wieder-Katzenbesitzers auf, die suggestive Frage legt neue Hoffnung in sein Herz! Die alte Katze ist hinüber, vorbei und tot, doch eine neue Katze wird kommen!

Es ist nicht undenkbar

In einer normal funktionierenden Wirtschaft wird es immer Arbeitslose geben – und zugleich offene Stellen. Manche Stellen bleiben eben auf längere Zeit unbesetzt – nicht jeder Absolvent feministischer Kunstgeschichte lässt sich als Entwicklungsingenieur im exportorientierten Mittelstand integrieren. Es ist auch nicht undenkbar, dass Unternehmen schon mal Stellen ausschreiben, obwohl sie gar nicht wirklich einzustellen gedenken, etwa aus Image-Gründen oder um sich ein Bild des Bewerbermarktes zu verschaffen, doch die an die Bundesagentur für Arbeit gemeldeten offenen Stellen ergeben dann doch ein realistische(re)s Bild der tatsächlichen Zahlen.

Die Statistik »Offene Stellen« auf iab.de zeigt, dass die Zahl der gemeldeten offenen Stellen bis zum Ende 2019 tendenziell nach oben ging – und in den ersten zwei Quartalen von 2020 dann rapide sank. Dezember 2019 waren etwa 1,4 Millionen Stellen als offen gemeldet – Juni 2020 waren es knapp 900 Tausend. Das Bruttosozialprodukt sinkt (siehe Essay vom 5.8.2020), die Zahl offener Stellen sinkt, doch wir reden über »falsche Meinungen«, und natürlich über Mehrfach-Abbrecher und Salonsozialisten Kevin, der in die große Politik will (siehe dazu auch »Immunität durch Schamlosigkeit«). Die Titanic droht zu sinken, aber im Bordtheater werden die Clowns ausgewechselt.

Ein technischer Grund für die gesunkene Zahl offener Stellen ist die Regelung, dass ein Unternehmen nicht gleichzeitig Kurzarbeit anmelden und für denselben Unternehmensbereich neue Leute einstellen kann (vergleiche welt.de, 5.8.2020). Hauptgrund ist aber, offensichtlich, die Wirtschaftskrise im Zusammenhang mit den Anti-Corona-Maßnahmen.

Schon lange vor der China-Virus-Pandemie hörten (und berichteten) wir von wöchentlichen Großentlassungen in Deutschland (siehe etwa die Essays »Der guten Zeiten wegen« vom November 2019 oder »Limburg, Hoffnung und das Nichts« vom Oktober 2019). Schon Monate und Jahre vor dem Lockdown konnte jeder Nichtblinde sehen, dass das »System Deutschland« auf Kante genäht ist (siehe schlicht meine Essays) – und die überspannten Fäden nun einer nach dem anderen platzen.

Als Merkels Gesundheitsminister noch erklärte, die »Verschwörungstheorien, die Unsicherheit verbreiten« würden ihm mehr Sorgen bereiten als das Virus selbst (siehe Essay vom 13.3.2020 – damals war »Verschwörungstheorie« wohlgemerkt das Schimpfwort, das man aus Politik und Staatsfunk bezüglich Warnungen vor den Gefahren des Virus hörte!), und schon damals hörte man regelmäßige Meldungen aus der Wirtschaft, dass die Wirtschaft in die Knie zu gehen droht (einfach nach Tweets mit dem Stichwort »#futschi« bis Ende Januar 2020 suchen).

Die Maßnahmen gegen das Corona-Virus waren zweifellos ein Tritt vors Schienbein für unser Land, doch der deutsche Patient humpelte schon vorher.

Eben doch eine Illusion

Ganz ohne Hoffnung, das wär’ ein trauriges Los, denn ganz ohne Hoffnung wäre alles hoffnungslos. Lasst uns also hoffen –  jedoch bedenkt: Hoffnung braucht Grund und Möglichkeit, sonst ist sie Illusion!

Es gibt kein »Zurück« – und ich halte wenig davon, geliehenes Geld zu verschleudern, weil man »wiederbeleben« will, was der Markt für tot erklärt hat (es wird natürlich getan werden – Politiker müssen ja nicht für die Schulden haften, die sie aufnehmen, um Lobbys zu befriedigen und Wahlen zu überstehen). Wenn deine Hoffnung beinhaltet, dass es wieder »wie früher« wird, könnte diese Hoffnung weniger eine echte Hoffnung als vielmehr eine Illusion sein – eine verständliche und menschliche Illusion, kein Zweifel, aber eben doch eine Illusion.

Im April 2019, im Text »Künstliche Intelligenz und Mäusespeck«, empfahl ich uns (natürlich vor allem der »jüngeren Generation«) programmieren zu lernen. Längst nicht alle Unternehmen brechen derzeit ein – wer sich darauf spezialisiert, den Mensch in seinem »Innenhof« zu versorgen (wie, räusper, Amazon) – wird auch weiterhin nützlich sein und also Geld verdienen. (Vorübergehend sind auch Berufe sicher, die sich darauf spezialisieren, das Elend zu verwalten, also natürlich vor allem bei Behörden und wohl in der Verwaltung politiknaher Wohlfahrtskonzerne.)

Ich wage die These, dass die meisten Probleme, denen wir heute begegnen, bereits vor der durch die Anti-Corona-Maßnahmen entstandenen Krise begannen. Gesellschaftliche Unzufriedenheit sowie Proteste gegen  Regierung und Staatsfunk flackerten schon vorher auf. Auch von jungen Männern, die Innenstädte unsicher machen, hörten wir schon vor dem China-Virus – jetzt ist die Partyszene eben noch etwas aufgekratzter. Die Boote mit den Schlepperkunden kamen schon vorher an, und schon zuvor wollten sie alle in die europäische Gratis-Vollversorgung. Und – und darum geht es – auch die Wirtschaft kriselte schon vorher und blutete, Woche für Woche.

Kluge Gesellschaften werden lernen

Unsere alte Vorstellung von der Zukunft, diese einst so geliebte Katze, sie ist hinüber, vorbei und tot. Die Katze kränkelte schon länger, kein Zweifel, Corona überfuhr unsere geliebte Hoffnung auf eine Weiter-so-Zukunft endgültig. Kein Politiker kann Kopf und Beine wieder an den Rumpf der Katze annähen.

Vor uns liegt eine neue Zukunft. Funktionierende Innenstädte brauchen Umgangsformen, Höflichkeit und Sicherheitsgefühl, damit sie für zahlungskräftige Klientel lohnenswert sind, also drei Werte, welche die deutsche Linke und die Propaganda seit Jahren abwerten – also werden Innenstädte sterben. Menschen werden noch immer zusammenkommen, jedoch in abgesperrten Zonen, wie Staatsfunker, Politiker, Kirchenfunktionäre und andere Wohlbetuchte es oft schon heute tun. Berufe und damit Einkommensarten werden sich verändern. Was automatisiert werden kann, wird automatisiert werden. Viren werden ein Teil der neuen Normalität sein (nicht nur Bio-Viren, auch weiterhin Computer-Viren), und kluge Gesellschaften werden lernen, damit umzugehen, ohne ins eine oder andere Extrem zu verfallen – also weder »Corona-Partys« noch wirtschaftlicher Selbstmord aus Angst vor dem Virus. Und: Unterhaltung plus Unterhaltungselektronik werden wichtiger denn je.

Nicht an nur einem Ort

Während ich diese letzten Zeilen auf einem Samsung-Monitor schreibe, läuft auf einem zweiten Samsung-Monitor das »Samsung Event Unpacked August 2020«, wo der koreanische Konzern seine neuen Geräte präsentieren wird. Man spricht von »Embrace The Next Normal«, und »Welcome to the Next Normal«. Brillant. Wissen Sie noch, als Siemens in Deutschland spannende Telefone herstellte (2000 bis 2005, siehe Wikipedia)? Heute fällt Siemens eher durch politisch korrekte Geisterseherei im deutschen Staatsfunk auf (vergleichen »In der Dämmerung die Gespenster«).

Während Deutschland damit beschäftigt ist, im Namen absurder »Moral« jeden Abweichler zu verfolgen,  teilen sich amerikanische und asiatische Konzerne die Märkte der Zukunft auf, und zwar nicht nur den wirtschaftlichen Markt, sondern auch den Markt der Ideen, der Geschichten, der Hoffnung und der Motivation.

Die alte Katze ist tot – es ist an der Zeit für eine neue Katze. Philosophen sagen ja, die Gegenwart sei eine unendlich kurze Zeitspanne zwischen Vergangenheit und Zukunft – Psychologen sagen, sie sei etwa 3 Sekunden lang – und ein Poet könnte hier eine bekannte Physik-Metapher bemühen, wonach wir uns heute in einer Art von »Schrödinger-Gegenwart« befinden. Ich will konkreter sein – das Leben ist konkret. Selbstverständlich wird es eine Zukunft geben – und zwar eine mit Viren und mit neuen Gefahren, doch gewiss auch eine Zukunft mit neuer Freude und neuer Hoffnung.

In einer Social-Distancing-Welt

Erst gestern hörte ich einen Schotten über deutsche Autoren reden (er ist großer Fan des Prager Deutschen Kafka). Letzte Woche hörte ich Amerikaner über Kant schimpfen (auf gelehrte Weise). Noch immer wird ein guter Teil der digitalen Musik im MP3-Format gespeichert, das ja in Deutschland erfunden wurde (siehe Wikipedia).

Die Zukunft wird passieren, wie sehr wir uns auch die Vergangenheit zurückwünschen mögen, und einige von uns werden überrascht sein, wie viele der Wurzeln der Zukunft auch unsere Wurzeln gewesen sind.

Während in Deutschland der Wirtschaftsminister darüber philosophiert, wie er Kunden dazu bekommt, Markenhemden wieder in der Innenstadt zu kaufen (indem der Staat unwillige Einzelhändler ins Internet bringt – kein Scherz), überlegt man in Asien, wie wir in einer Social-Distancing-Welt effektiver und (wichtig!) angenehmer mobil und von konkreten Orten losgelöst arbeiten und Spaß haben können.

Einige von uns wollen nicht wahrhaben, dass die alte Katze hinüber ist, vorüber und tot. Ich verstehe es. Ich bin nicht weniger traurig darüber.

Doch, ich will nicht in Traurigkeit und Sentimentalität verharren. – Ich will mich auf das neue Tier freuen!

Wo aber wird das neue Tier leben? Wessen Kind wird es sein, wer sein Frauchen und Herrchen? Nun, das ist noch offen. Es liegt auch an uns – es liegt ganz wesentlich an uns!

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