Dushan-Wegner

11.03.2024

Papst will Frieden – darf der das?

von Dushan Wegner, Lesezeit 5 Minuten
Papst schlug Verhandlungen in der Ukraine vor. Das Sterben soll enden. Große Empörung allerseits. – Frieden? Ende des Sterbens? Ein Skandal! – Gewisse Kreise wollen offenbar Frieden verhindern, egal, woher dieser käme und um jeden Preis.
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Stell dir vor, der Papst will Frieden. Oder zumindest Verhandlungen, die zum Frieden führen werden. Die Freunde des Krieges aber sagen, Frieden zu fordern, sei menschenverachtend und widerlich.

Das klingt alles wie absurdes Theater, ich weiß. Auf gleich mehreren Ebenen. Und doch ist es sehr lehrreich.

Lasst mich einige Details dieser aktuellen Meldung skizzieren:

In einem Interview hat der Papst dieser Tage die Meinung gewagt, dass die Ukraine den Mut aufbringen sollte, mit den Russen zu verhandeln (reuters.com, 9.3.2024).

Wörtliches Papst-Zitat, von mir übersetzt: »Das Wort ›verhandeln‹ ist ein mutiges Wort. Wenn du siehst, dass du besiegt bist, dass die Dinge nicht gut laufen, musst du den Mut haben, zu verhandeln.« (ebenda)

Das eigentliche Interview wurde vorigen Monat aufgenommen, doch jetzt erst findet es Beachtung. Und mit »Beachtung« meine ich: Empörung.

Es überrascht ja tatsächlich, dass dieser sonst »woke«, sprich: auf Konzern- und Investorenlinie liegende Papst, vom westlichen Mainstream abzuweichen wagt, mit der »abgedrehten« Forderung nach Verhandlungen, um weiteres Sterben zu verhindern.

Derselbe Papst

Vergessen wir nicht: Das ist derselbe Papst, der mehr Migration fordert, aber ähnlich wie sein Kollege Woelki (siehe Essay »Gutmensch«) selbst hinter hohen Mauern lebt (siehe Essay »Im Vatikan steht kein Asylheim«).

Das ist derselbe Papst, der die injizierte Beglückung, an welcher die freundliche Pharmaindustrie so viel verdiente, als »moralische Pflicht« bewertete (npr.org, 10.1.2022).

Nun aber hat sich der Papst überraschend in jene Kategorie eingetragen, die in Deutschland neuerdings als »Friedensschwurbler« verunglimpft wird (siehe dazu meinen Essay vom 25.2.2023).

Es geht um

Es geht um den Krieg in der Ukraine, also um jenes seit jeher mindestens kulturell und ethnisch halb-russische Land – mit reichen Bodenschätzen im westlichen Teil (dt. Staatsfunk, Februar 2014, via @MrJonasDanner, 10.3.2024).

Es geht um das berüchtigte NATO-Versprechen, sich nicht in Richtung Russland auszuweiten. Ein Versprechen, von welchem vor zehn Jahren im deutschen Staatsfunk berichtet wurde (etwa via @ulrikeguerot, 10.3.2024), das aber laut aktueller Propaganda komplett missverstanden wird, weil etwa Genscher gar nicht für »die NATO« sprechen konnte, und weil es vor der deutschen Wiedervereinigung geschah und der Ansprechpartner die UdSSR war, nicht das Putin-Russland, und überhaupt.

Es geht um Friedensverhandlungen zwischen Russland und der Ukraine im Jahr 2022, die immerhin so weit waren, dass es einen Friedensvertrag gab, der jetzt geleaked wurde (wsj.com, 1.3.2024).

Es geht um einen Krieg im Osten Europas, von dem einige von uns (etwa ich im Essay vom 8.3.2024) in dunklen Stunden vermuten, dass er als »ewiger Krieg« installiert wird.

Es geht um einen »bewaffneten Konflikt« zwischen Staaten unterschiedlicher Kulturen. Und einer der beiden Kulturen bereitet es weit weniger Bauchschmerzen, die eigene Jugend fast unbegrenzt in den Fleischwolf zu schicken. Vor allem, wenn es um die Verteidigung historischer Wurzeln und nebenbei auch die Sicherung zukünftiger Ressourcen geht.

Fremdscham und »gerechter Krieg«

Der Papst hat nun also der Ukraine vorgeschlagen, nicht weitere Tausende von Vätern und Söhnen in den russischen Fleischwolf zu werfen, zumindest nicht ohne zumindest eine Verhandlung zu versuchen.

Frau Strack-Zimmermann von der FDP – welche Mitglied in Rüstungslobbys, aber keine Rüstungslobbyistin ist (siehe Interview von Jung & Frei) – outet sich plötzlich als Katholikin, die sich nun für den Papst schäme (merkur.de, 11.3.2024). Ich schreibe mal nichts weiter dazu. Nicht nur, weil ich hörte, dass Frau Strack-Zimmermann schnell mit dem Anwalt bei der Hand ist (focus.de, 3.5.2023), sondern weil mir schlicht die Worte fehlen, ob legale oder verbotene.

Geradezu skurril bis unparodierbar wird es, wenn Justizminister Buschmann von derselben Partei den Papst in katholischer Theologie belehren will und dazu die Theorie vom »bellum iustum« bemüht (@MarcoBuschmann, 10.3.2024), dem gerechten Krieg.

Irgendwer sagt – ich will die Person nicht einmal mit dem Nennen ihres Namens ehren –, der Vorschlag des Papstes sei »menschenverachtend«.

Interessengeleiteter Bedeutungsverlust

Es soll menschenverachtend sein, das sinnlose Sterben in einer Materialschlacht zu beenden, wenn die Menschen ein guter Teil des verheizten »Materials« sind?

Wir erleben wieder den Bedeutungsverlust von Wörtern. Inzwischen ist es ja banal, darauf hinzuweisen, dass Orwells 1984 wie eine methodische Blaupause wirkt. Es fehlt wenig, dass sie den ersten der drei Slogans zur Staatsräson erklären: »Krieg ist Frieden«.

Natürlich habe auch ich keine »Lösung« für den Krieg in der Ukraine, denn etwas auch nur halbwegs menschlich Vertretbares hätte vor mehreren Jahren eingefädelt werden müssen. Es sind zu viele Menschen gestorben, als dass jetzt noch eine Lösung möglich wäre, die einen anständigen Menschen zufriedenstellt.

Die einzigen Leute, die ab heute in Sachen Ukraine-Konflikt wirklich »zufrieden« sein können, sind diejenigen, die ein Interesse daran haben, dass so viele Waffen wie möglich verkauft werden.

Wer ein Interesse am Kriegsgeschäft hat oder sich politischen Vorteil vom Fortgang des Krieges erhofft, kann umso zufriedener sein, je länger das Kriegsgeschehen andauert. Und er wird lieber die gesamte Bevölkerung der Ukraine sterben sehen, als Friedensverhandlungen zuzustimmen.

Nur wer noch lebt …

Was aber meine Meinung ist? Nun, ich will einfach mal einige meiner Essay-Titel zitieren: »Die den Tod, ich das Leben«, »Einfach nur leben wollen«, »Nichts ist wichtiger als das Leben«.

Jeder Mensch muss für sich selbst herausfinden, was er den »Sinn des Lebens« nennt, wo er sich das letzte, große Glück erhofft. Wahrscheinlich wird es damit zu tun haben, seine relevanten Strukturen – und zwar die wirklich relevanten Strukturen – zu erkennen und zu fördern.

Doch um Glück zu finden, um Sinn im Leben zu finden, um das Glück möglichst vieler Menschen zu fördern, dazu muss man selbst und all diese Menschen überhaupt am Leben sein – und alle Söhne auch.

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